Mit Gefühl

Die typischen Unternehmen der Neuzeit sind davon geprägt, dass Maschinendenken auf soziale Organisationen angewendet wird. Der Mensch als Teil eines archaischen Räderwerks, wie er etwa von Charlie Chaplin in seinem Film “Modern Times” oder von Fritz Lang in “Metropolis” dargestellt wurde. Ein Denken, das sich in den Arbeiten von Ökonomen, wie dem Vater des “Scientific Management”, Frederick W. Taylor, oder Erich Gutenberg, dem Nestor der deutschen Betriebswirtschaft, widerspiegelt. Auch viele “Motivations-” und Incentivierungskonzepte basieren auf der Grundhaltung, dass man nur genug Druck im Kessel machen muss, damit die Maschine Mensch auf Hochtouren läuft. Zuckerbrot und Peitsche ersetzen Gas und Bremse. Der Mensch als Verbrauchsmaterial.

Auch die entscheidungsorientierte BWL versucht sich in solch mechanistischen Grundmustern. Überspitzt gesagt, gehen die Jünger Edmund Heinens davon aus, dass der betriebliche Erfolg weniger von der Qualität der Ressourcen, als von “guten” möglichst objektiv herzuleitenden Entscheidungen abhängig ist. In der Folge versucht man Entscheidungen nach einer mehr oder weniger simplen Kausallogik (wenn…dann) zu optimieren.

In den letzten Jahren macht sich jedoch die Erkenntnis breit, dass noch so sophistische Entscheidungslogiken und entscheidungsunterstützende Systeme der Komplexität der sozialen Situation einfach nicht gerecht werden können. (Allerdings wird umgekehrt sehr wohl ein Schuh daraus: Den Niedergang eines Unternehmens kann man in der Regel als Folge schlechter Entscheidungen identifizieren.)

Psychologie und Managementlehre werden sich wieder bewusst, dass Entscheidungen mitunter höchst irrational fallen, und dass die Entscheider offensichtlich gut dabei fahren. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist etwa Gerd Girgerenzer [lesenswert: Gerd Gigerenzer (2007): Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München (Bertelsmann; engl.: Gut Feelings, New York)].

Der Versuch, Emotionen, Intuitionen und Bauchgefühl aus unseren Entscheidungen herauszuhalten muss letztlich scheitern – jegliches Bemühen, Entscheidungen zu rationalisieren, erweist sich früher oder später als Bumerang (das sei bitte auch als Warnung vor allzu unreflektierten Balanced Score Card Einsätzen zu verstehen). Es gibt weder den Homo Oeconomicus noch simple Kausalitäten in sozialen Organisationen.

Wenn denn Intuition bei unternehmerischen Entscheidungen eine so wichtige Rolle spielt, dann ist an der Zeit, damit professionell umzugehen. Denn auch Intuition, das dürfte klar sein, ist kein Garant für gute und richtige Entscheidungen.

Diesen Ansatz verfolgt  Andreas Zeuch in seinem Band “Feel it! So viel Intuition verträgt ihr Unternehmen.” Auf knapp 250 sehr lesenswerten Seiten befasst sich der Berater Zeuch mit der Frage des Umgangs mit Intuition im Unternehmen und deren Professionalisierung. Dabei greift er auf Interviews mit Unternehmern und Managern zurück, die das Thema Intuition in der einen oder anderen Weise für sich und ihre Organisation kultiviert haben.

Feel It! ist ein lesenswertes und kurzweiliges Buch, das spannende Einsichten und manche Überraschung bietet.

Und das Beste zum Schluss: Andreas Zeuch ist im September 2010 Key-Note Speaker auf Konferenz “Narrative and Innovation” hier an der Karlshochschule International University.

Zeuch, A. (2010): Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen. Weinheim (Wiley-VCH)

2 comments Write a comment

  1. Gerade wenn es um Menschenführung geht (die von dir beschriebene Technokratie hat ja den Menschen als Maschine behandelt) ist die Emotionalität gefragt, gepaart mit den sachgerechten Themen. Diese Balance gilt es zu erzielen und alles fängt meiner Ansicht nach bei dem Manager selbst an.

  2. Prof. Dr. Lutz Becker

    Absolut. Wir hatten ja Anfang Juni das Symposium am Wolfsberg (http://www.wolfsberg.com). Der Tenor war mehr als deutlich.: Es gibt, wie die vorgestellten Studien gezeigt haben, einen überraschend klaren Zusammenhang zwischen der Qualität der Führung (i. S. von Partizipation, Zuteilung von Ressourcen etc.) auf der einen, sowie wirtschaftlichem Erfolg und Gesundheit der Mitarbeiter auf der anderen Seite. Gute Führungskräfte haben erfolgreiche Unternehmen. Narzissten und Technokraten mit Angst vor Kontrollverlusten sind ein wirtschaftliches Risiko.

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