Warum man sich über den “inneren Reichsparteitag” aufregen darf
Autor: Patrick Breitenbach am 14.06.2010Die Sprache ist das Haus des Seins.
Martin Heidegger
Gestern Abend in der Halbzeitpause des WM-Auftaktspiels der deutschen Mannschaft schien für mich einen Moment lang die Zeit still zu stehen. Habe ich das gerade richtig gehört? Hat sie DAS gerade im ZDF vor Millionen vor Menschen gesagt? Hä?
Was war da passiert?
Die ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein kommentierte das Tor von Miroslav Klose – nachdem man ihn tausendmal für seine bisherige Leistung runtergeputzt hatte – mit folgenden Worten: “Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft.” Ihr Gegenüber, der soweiso leicht abwesend wirkende Oliver Kahn, bestätigte mit einem “Ja, das ist für ihn eine Erlösung.”
Völlig wertfrei betrachtet war es extrem spannend zu beobachten, wie ein solche Satz in einem solch seichten Umfeld zu so einem plötzlichen innerlichen Aufrütteln führte. Sofort war eine gewisse Habachtstellung eingenommen, jedenfalls wenn man über die entsprechende Assoziation zu der Begrifflichkeit verfügte. Spannend also, die Macht der Sprache in ihrem Element zu erleben.
Bis zu diesem Punkt war mir auch überhaupt nicht nicht klar, dass es sich dabei um eine mehr oder weniger geläufige Redewendung handeln sollte, so jedenfalls die eilige Reaktion des Twitteraccounts vom ZDF, nachdem man wie ich diesen Satz nachgegoogelt hat. Was ich jedoch über die Begrifflichkeit wusste ist natürlich dessen historischer Kontext. Die Reichsparteitage waren ein regelmäßiger Anlass in den Jahren 1933-1939 das deutsche Volk ganz auf die Linie des Führers Adolf Hitler zu bringen. Die religiös angehauchten Veranstaltungen mit martialisch inszenierten Aufmärschen aller wichtigen Untergruppierungen – von Hitlerjugend bis hin zur Totenkopfbrigade – brachten die Ideologie des Nationalsozialismus auf den erlebnisstimulierenden Punkt.
Das irritierende bei der gestrigen Aussage war nicht der Begriff an und für sich, sondern der Kontext in dem er fiel und die unterschiedlichen Reaktionen, die das hervorrief.
Auf der einen Seite reflexartige Proteste, auf der anderen genervt wirkenden Gegenproteste. Die Leute sollen sich mal nicht so anstellen. Es ist doch nur ein Spruch. Die Zeiten sind vorbei und überhaupt sei das doch wieder eine typische kleinkarrierte, heuchlerische Empfindlichkeit einiger linksorientierten Gutmenschen, die die gerade wieder aufkommende sichtbare Identifikation mit dem eigenen Land einfach nur plattlabern wollen. Solche Sprüche seien doch nichts schlimmes, sie tun ja niemandem weh. Wir wollen doch nur Fußball feiern. Ende der Debatte.
Sehr irritierend war dann auch eine Erklärung, die in Twitter die Runde machte und diese Seite zitierte, mit der Bemerkung es sei doch alles halb so schlimm und eine völlig normale Redewendung in der Alltagssprache:
Jörg: “Als ich die Todesanzeige von diesem Mistkerl gelesen habe, war das für mich ein innerer Reichsparteitag.”
POM Meier: “Als wir das perverse Schwein dann endlich dem Haftrichter zuführen konnten, war mir das ein innerer Reichsparteitag!”
Nun, dachte ich mir, das macht die Sache nicht wirklich für mich angenehmer, denn die darin enthaltene Wortwahl erinnerte mich ebenso stark an faschistoide Ansätze, bei der der Mensch zum Objekt oder zum Tier umgewandelt wird, wie der Begriff selbst. Also nicht wirklich hilfreich in diesem Zusammenhang.
Mir ist sehr wohl bewusst, dass man sich im intimeren Rahmen aka Freundes- und Kollegenkreis durchaus mal die eine oder andere zynische Adolfzote an den Kopf wird, meist begleitet von befreiendem und schallendem Gelächter. Doch das ist ein völlig anderer Kontext. Dort sind die Regeln sehr klar abgesteckt. Es besteht ein gewisses Grundvertrauen. Wenn jedoch eine seriöse, gestandene Sportreporterin im Business-Look im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine sportliche Szene ohne jedweden Ausdruck von Ironie oder Sarkasmus mit dieser Wortwahl kommentiert, so ist die Diskrepanz zwischen Kontext und Aussage einfach viel zu groß und viel zu weit voneinander weg. Es fehlte die stimmige Inszenierung. Es entstanden dadurch zu große Lücken für Interpretationen, die auch nach dem Spiel unkommentiert und damit weit geöffnet blieben.
All den Gegenprotestlern, die den etwas nachdenklicheren Kritikern Kleinkarriertheit vorwerfen kann ich nur dumpfe Unreflektiertheit zurückgeben. Mir und anderen geht es nicht darum Frau Müller-Hohenstein für ihre Aussage abzustrafen, den Fußball und die Fahnen zu verbieten, mir persönlich geht es darum zu verstehen, warum sie zu dieser Wortwahl griff und wie so eine unglücklich platzierte Aussage entstehen konnte, ob und wie wir jetzt darüber sprechen.
Ich möchte fernab von möglichem aufkeimenden Kulturpessimismus mehr über den Kontext erfahren, um daraus ablesen zu können, ob wir uns wieder in Richtung dumpfem Mitläufertum bewegen oder einfach nur das Bedürfnis verspüren mit Humor an unserer Vergangenheit zu arbeiten. Die Klarheit ist mir in diesem Punkt sehr wichtig, denn nichts macht mir mehr Angst als eine unreflektierte Masse, die wahlweise – nur weil alle es tun – zu diesem oder jenen “jawoll” brüllt, egal welche politische Gesinnung sie sich zuschreibt. Mir geht es um den memetischen Mechanismus an sich bzw. ob so etwas wie Wachsamkeit und inhaltlicher Auseinandersetzung in einer Gesellschaft besteht oder ob ihr so etwas wichtiges wie die Sprache, dem Bindeglied und Prägeinstrument der Menschen, völlig egal ist und der Akt und die Lust am Jubeln oder Pöbeln den Akt des inhaltlichen Anlasses völlig überdeckt.
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