Die Signale des Köhlers

Derzeit werden wir von einer Krise zur nächsten geführt. Die Bankenkrise, die Finanzkrise, die Wirtschaftskrise, die Eurokrise und nun scheint auch die Politkrise auf der Matte zu stehen. Dabei sind alle Ereignisse eng miteinander verzahnt.

Besonders bemerkenswert fand ich die Aussage vom Publizisten Michel Friedman in der ARD-Talkshow Maischberger. Sinngemäß sprach er vom Ende der rein nationalen Politik. Die komplexen Interessen, international und global miteinander vernetzt machen es den deutschen Politikern fast unmöglich eine für Deutschland allein gültige Politik zu machen. Ein Politiker in Deutschland hat eben nicht nur die Interessensgruppen im eigenen Land zu managen, er ist nun auch Mitglied der EU, Nato, UNO, G20 und sonstigen internationalen Vereinigungen, die wiederum in ihrer Gesamtheit wichtiger sind als die Interessen im eigenen Land. Das jüngste Beispiel der Bankenkrise und auch der Eurokrise zeigt ganz deutlich, dass eine alleinige nationale Politik im Grunde genommen nicht mehr durchführbar ist. Was nutzen die tollsten politischen Konzepte im eigenen Land, wenn sie aufgrund von mangelnder Finanzierbarkeit, geschuldet unter anderem mancher Partnerländer in der EU, dann abgewürgt und gar ins Gegenteil rutschen. Sparprogramm statt Investition. Rolle rückwärts statt Forschung und Entwicklung. Doch eine Rückkehr in die rein nationale Politik ist ebenso unmöglich wie rückschrittlich und absurd. Die EU ist im Kontext der restlichen Supermächte auf dem internationalen Parkett mehr als erforderlich. USA, Russland und China haben natürlich ein großes Interesse am Scheitern von Europa, so könnte man jedenfalls denken. Der Euro ist neben dem Dollar die stabilste und wichtigste Währung weltweit, ein Zusammenbruch des Euros würde unglaubliche Konsequenzen nach sich ziehen und wer der guten alten D-Mark hinterherweint begreift einfach nicht, was sich in der Zwischenzeit alles verändert hat. Der Gedankengang ist ähnlich absurd, als wenn man sich Muscheln als geeignetes Währungsinstrument zurückwünschen würde.

Wir befinden uns im Anfangsstadium der Globalisierung. Ein spannender und sehr schwieriger Teil liegt vor uns. Wir alle sind aber gefordert, nicht nur die Politik. Dadurch dass die Politik so undurchschaubar geworden ist, verliert die Bevölkerung zunehmend das Interesse. Dadurch dass Partizipation durch Undurchschaubarkeit vermindert wird, isoliert sich die Politik von ihren Auftraggebern. Eine Blasenbildung findet statt. Eine grpße Gefahr für Machtmißbrauch und die Interessensverwirklichung von einigen kleinen Eliten.

Wenn wir also etwas verändern wollen. Wenn wir mitgestalten wollen, so lautet das oberste Ziel zunächst einmaldas Verstehen und die anschließende Überwindung von kulturellen Mißverständnissen und Gegensätzen, also eine interkulturelle Kompetenzentwicklung. Empathie und Reflexionsfähigkeit ist das größtmöglichste Werkzeug für eine friedliche und prosperierende Welt. Wenn wir zunehmend die Verantwortung für andere übernehmen (global), als eigene Interessen (national) bevorzugt zu behandeln, wird die Welt Schritt für Schritt in eine bessere Zukunft voranschreiten. Es wird wichtig sein anderen zuzuhören, anstatt ihnen zu sagen wo es lang geht. Es wird wichtig sein selbst vorbildlich voranzuschreiten, statt darauf zu warten dass andere sich verändern. Es wird wichtig sein erst einmal zweimal darüber nachzudenken und sich sein eigenes Bild zu formen statt unreflektiert die Meinung der Massenmedien zu replizieren.

Die politischen Eskapaden der letzten Tage zeigen für mich deutlich ungünstige Signale für unsere Gesellschaft auf: Ein Bundespräsident entzieht sich der Verantwortung aus der Begründung heraus zu stark kritisiert worden zu sein. Wie wirkt das als Vorbild für uns? Nun, wir lernen dass wir einfach alles hinschmeißen können, wenn wir zu sehr kritisiert werden. Wir lernen, dass wenn wir lange genug motzen, wir ein Thema erfolgreich verdrängen können, ohne uns wirklich damit sachlich auseinanderzusetzen. Nach Köhlers Rücktritt sprechen oder diskutieren wir eben NICHT mehr über seine Aussage zum Afghanistan- oder Antipirateneinsatz, sondern spekulieren über seinen möglichen Nachfolger – Lena inklusive – wie in einer Castingshow. Wir verdrängen, weil wir die Komplexität nicht mehr begreifen. Wir begreifen die Komplexität nicht mehr, weil wir das Verdrängen als angenehmer und weniger anstrengend empfinden. Überhaupt scheint es so als wollten wir jede Anstrengung vermeiden. Kritik? Zu anstrengend? Dann höre ich eben auf! Lesen? Zu anstrengend! Da glotz ich lieber TV! Denken? Zu anstrengend! Da plapper ich lieber nach.

Doch es gibt immer noch genug Menschen, die sich dem entziehen. Kluge und reflektierte Menschen. Deshalb habe ich nun beispielsweise die Zeit abonniert (nicht mit Onlineausgabe verwechseln!). Ganz einfach weil ich Chefredakteur Giovanni di Lorenzos klugen und multiperspektivischen Kopf wertschätze. Wir brauchen einfach mehr davon. Mehr ruhige, sachliche Denker und weniger aufgebrachte, eindimensionale Choleriker und Polemiker.

Leave a Reply