Was heißt hier “publikabel”?

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 23.05.2010

Zu meiner Studentenzeit wäre es ein Unding gewesen, eine Diplomarbeit oder gar eine Hausarbeit zu veröffentlichen. Als publikabel galt alles ab der Dissertation aufwärts. Ohnehin wäre es in einer Zeit, in der viele ihre Arbeiten noch mit Schreibmaschine zu Papier geklappert haben und Tipp Ex als Killerinnovation galt, viel zu aufwändig gewesen. Die Arbeiten mussten nicht nur getippt, sondern auch von einem Fachmann gesetzt oder in einer Reproanstalt Seite für Seite abfotografiert und auf eine Druckplatte gebracht werden. Diese Zeiten haben sich zum Glück (oder wenn man es aus Sicht der alten Berufsbilder, wie Schriftsetzer oder Reprofotograf, sieht: leider) geändert – man braucht nur noch einepdf-Datei hochzuladen, und schon steht die Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Wer das haptische Erleben braucht, kann sich die Arbeit auch direkt drucken und binden lassen.

Die Hochschulen stellt das vor neue Probleme. So werden Studienarbeiten im Namen der jeweiligen Hochschulen und Professoren teils ungefragt und unautorisiert ins Netz gestellt. Das Problem ist dabei, dass Studienarbeiten in bestimmten Lehrkontexten – und nicht zum Zwecke der Publikation – erstellt werden. Es sind mitunter “nur” Fingerübungen, die nur im Kontext spezifischer Lernziele (die in der jeweiligen Modulbeschreibung nachzulesen sind) erstellt und genau vor dem Hintergrund dieser Lernziele bewertet werden. Eine gute Note bedeutet in der Regel, dass die oder der Studierende ein bestimmtes Lernziel erreicht hat, nicht jedoch, dass die Arbeit den Ansprüchen einer Publikation genügt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass eine Arbeit, die für eine Veröffentlichung vorgesehen ist, nach ganz anderen und mitunter deutlich strengeren Kriterien bewertet werden müsste.

Ich erlebe es auch immer wieder, dass Studierende heftig auf die Nase fallen, wenn Sie sich an Arbeiten anderer Hochschule “anlehnen”. Nicht nur, dass so etwas eindeutig ein Plagiat ist – diese Arbeiten sind in der Regel in anderen Kontexten und vor dem Hintergrund anderer Lernziele erstellt worden. Da kann die “1? an einer anderen Hochschule bei uns durchaus mal eine “5? sein und vielleicht auch umgekehrt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe bislang noch keine Studien- oder Diplomarbeit gesehen, die ad hoc halbwegs publikabel gewesen wäre. Was auf einschlägigen Webseiten und in Verlagsprogrammen zu finden ist, gleicht teilweise einem Trauerspiel. Die Euphorie, seine vermeintlich gute Arbeit im Netz zu finden und im unwahrscheinlichsten Fall noch ein paar Cent dabei zu verdienen, kann schnell zu einem peinlichen Bumerang werden.

Aber wenn Studierende das Interesse haben, sich mit ihrem Thema intensiver auseinanderzusetzen, kann es sich durchaus anbieten, die Arbeit in enger Abstimmung mit den betreuenden Professoren weiterzuführen und in anderer Form zu veröffentlichen. Dafür gibt es genügend Beispiele an unserer Hochschule – ich denke etwa an die Arbeiten von Florian BernardRomy Modlich oder Veronika Dinius.

Im Forschungsausschuss der Karlshochschule arbeiten wir auf Initiative von Professor Andreas P. Müller gerade an einer Plattform für Veröffentlichungen aus der Hochschule, die so genannten “Werkstattberichte”. Wie wäre es überhaupt, das Thema zuerst einmal hier im Blog vorzustellen?