Wie der Döner nach China kommt
Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 16.05.2010Ich glaube, ich habe unseren Absolventen im Studiengang International Business, Deniz Sakaoglu, ziemlich gequält. Als Deniz ursprünglich zu mir kam, um zu fragen, ob ich denn seine Bachelorthesis betreue, hatte er vor, über eine Marktanalyse für eine Systemgastronomie in China zu schreiben. In der Diskussion um das Thema (unsere Studierenden schreiben in der Regel zunächst ein ausführliches Exposé, das dann in Sprechstunden und Kollquien immer wieder “auseinander genommen” wird) habe ich die Latte zuerst einmal kräftig nach oben gelegt – denn nur, wer an seine Grenzen stößt, so mein Wahlspruch, kann seinen Horizont erweitern.
Bis wir dann Einigkeit über Ziele, Struktur und Quellen seiner Arbeit “Business Development als die Generierung neuer Märkte – Strategische Position eines Döner Kebap Restaurants” gefunden haben, ging Deniz nicht nur einmal mit hängenden Schultern aus der Sprechstunde hinaus. Irgendwann, hat sich Deniz, der zuvor bereits einen Bachelor unserer Partnerhochschule, der University of Lincoln, erworben hatte, dazu durchgerungen, die Arbeit aus einer kulturalistischen Perspektive zu schreiben. Insbesondere ging er dabei auf Reinhard Pfriems These, dass Unternehmensstrategien “kulturelle Angebote an die Gesellschaft” sind, ein. Statt eine 08/15 Markteintrittsstudie durchzuführen, stand nun vor dem Problem, seine kulturalistische Perspektive zu operationalisieren. Hinzu kam das logistische Problem, entsprechende Straßeninterviews in Peking zu führen. Die Ergebnisse waren interessant. Das Konzept eines “typisch deutschen” türkisch-mediteranen Döner Kebap Restaurant 1:1 nach China zu übertragen, erwies sich als Sackgasse – unter anderem, so eines der Ergebnisse aus Deniz Sakaoglus Arbeit, sollte sich das Restaurant vorrangig als modern-europäisch positionieren, ohne jedoch auf eine vermarktungsfähige Verbindung zur Tradition des Döner Kebap zu verzichten. Um es kurz zu machen: Seine über 130 Seiten starke Bachelorarbeit ist, wie seine Spitzennote zeigt, eine ganz hervorragende Leistung.
Es wird aber noch besser: Inzwischen hat Deniz die Ideen seiner Arbeit auch in die Tat umgesetzt und vergangen Samstag mit Freunden sein erstes Döner Restaurant “Kebaba”, zwar nicht in Peking, sondern in dem Touristenort Lijang eröffnet. Und nicht nur das – Deniz Sakaoglu hat das Geschäftsmodell auch auf eine breitere Basis gestellt; er schreibt dazu: “Ansonsten vertreiben wir auch Hamburger Patties, Hamburger Brote, gefrorene Pizzen und vieles mehr an Bars, Hotels und Restaurants. Unsere ”Produktion”, wie wir das gerne nennen, war schon vor einem Monat startklar.” Aber solche Veränderungen deuteten sich bereits in seiner Thesis an: “Zum Schluss dieser Arbeit muss noch einmal betont werden, dass die strategische Position des Döner Kebap Restaurants als Grundlage für jegliches unternehmerisches Handeln dienen soll. Erst durch sie wird die Kommunikation des Unternehmens mit dessen Umwelt ermöglicht. Durch sie soll das des Öfteren angesprochene Interaktionsfeld zwischen Unternehmen und Unternehmensumwelt geschaffen werden, wodurch erst die Basis zur gesellschaftlichen Anerkennung des Unternehmens entsteht. Sie darf nicht als absolute Realität angesehen werden und Möglichkeiten zur Veränderung müssen stets offengehalten werden. Nur so kann sich in gegenseitiger Wechselwirkung zwischen Unternehmen und Unternehmensumwelt eine in den Grundzügen gemeinsame Wirklichkeitskonstruktion entwickeln, die zu nachhaltiger gesellschaftlicher Anerkennung führt.”
Aus Karlsruhe herzlichen Glückwunsch zum Start in die Selbständigkeit und vor allem alles Gute und viel Erfolg!
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