Die Krise. Ein Rückblick nach vorne.

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 10.05.2010

Um uns herum Krise: “Hypothekenkrise”, “Bankenkrise”, “Griechenlandkrise”, “Eurokrise”, “Weltwirtschaftskrise”.

Wirtschaftskrisen sind nichts Neues. Der niederländische Tulpenkrise von 1637, die britische Eisenbahnkrise von 1836/37, die Gründerkrise des Jahres 1873, die Hyperinflation der 20er Jahre, der Internet-Crash der Jahrtausendwende. Noch mehr Beispiele gefällig? Neu sind allerdings die Rollen, die die globale Vernetzung, Informationstechnologie und Virtualisierung der Finanzanlagen spielen.

Als mein emeritierter Kollege Johannes Ehrhardt und ich 1994 mit der Arbeit an dem Band “Business-Netzwerke” (1) begannen, war das World Wide Web fünf, Mosaic, der erste Browser, gerade einmal zwei Jahre alt. Damals war es gerade in Mode, vom elektronischen Dorf zu sprechen: Wir machen einen virtuellen Stuhlkreis, fassen uns an die Hände, und haben uns alle ganz furchtbar lieb. Aber auch damals war schon offensichtlich, dass hinter dem Web im Guten wie im Schlechten weit mehr stecken würde. Wir sagten damals:

Wenn heute immer wieder vom elektronischen Dorf gesprochen wird, ist das eine untragbare Verniedlichung. Der Information Highways führt uns direkt in eine gigantische multimediale Weltmetropole. Ein Molloch mit blinkenden Leuchtreklamen, grenzenlosen Kultur- und Freizeitangeboten, Einkaufsparadiesen und virtuellen Bordellen. Diese Welt kennt keine dörfliche Beschaulichkeit. Stattdessen tummeln sich hier Geschäftsleute, Amüsiersüchtige, Mafiosi, Cyber-Terroristen, Träumer und Idealisten.

Dass das globale Dorf eine Illusion war, war uns jedenfalls damals schon klar und schon damals haben wir vor ungelösten Steuerungsfragen einen globalen Netzökonomie (die es ja 1994 im Grunde noch nicht gab) gewarnt:

Allerdings – dessen sollte man sich sehr bewußt sein – werden die gesellschaftlichen und ökonomischen Pfründe jetzt, wo Sie diese Zeilen lesen, neu verteilt. Vor allem die Globalisierung, die sich mit immer größerer Geschwindigkeit vollzieht, wird vieles ändern: neue Spieler bestimmen die Regeln. Auf dem virtuellen Marktplatz werden die Karten werden immer schneller neu gemischt.

Unser verstorbener Freund und Mitautor Robert Pestel (2) sprach in dem Band von einem notwendigen sozialen Experiment, weil wir zu wenig über komplexe emergente Systeme wissen und wie sie auf unser Verhalten reagieren. Wir haben von „Chaotic Transition“ gesprochen:

Die Systeme von denen wir sprechen, sind hochempfindlich und stark risikobelastet. Möglicherweise kritische oder gar gefährliche Prozesse lassen sich aber nicht durch moralische Appelle ungefährlich machen. (…) Wir brauchen deshalb eine tragfähige Gesamtplanung auf der politischen Ebene sowie ökonomische Freiräume für den Einzelnen, die ein kreatives Feintuning der Systeme zu aller Nutzen ermöglichen.

Was haben damals sicherlich nicht vorhergesehen, dass einige wenige vollkommen außer Kontrolle geratene Kapitalmarktakteure ganze Staatengemeinschaften wie die Sau durch’s Dorf treiben und damit die Demokratie mit Füßen treten können. Wir haben auch nicht voraussehen können, in welchem gigantischen Umfang und wie radikal die globalen Umverteilungsprozesse sein würden. Dennoch kann sich niemand damit herausreden, man hätte es nicht geahnt. In den 15 Jahren ist politisch viel Zeit verloren gegangen. Zeit die vor allem mit Symbolpolitik und kleinkariertem Partei- und Nationendenken verschwendet wurde. Schlimmer noch: Viele Ökonomen und Politiker haben sich in dieser Zeit vor den Karren einer Casino-Ökonomie und damit eines nicht mehr zu kontrollierenden globalen Umverteilungsystems spannen lassen: “Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“

Robert Pestel betonte damals, dass es die Aufgabe von Ökonomie und Politik ist, innerhalb eines Rahmens Freiräume zu schaffen, in denen der Staat nicht eingreift und die Akteure nicht bevormundet. Erst wenn das Handeln der Akteure den Rahmen zum Nachteil der Gemeinschaft verlässt, sind Politik und Staat gefordert.

Es sind also Biotope zu schaffen, in denen sich die Akteure am Markt frei und nach eigenem Gusto entwickeln können. Sie müssen aber Grenzen setzen, dass das System nicht andere Systeme überwuchert oder kippt. Unter dem Strich kann man Krisen nicht vermeiden, man kann aber, so glauben wir, sicherstellen und fördern, dass den gesellschaftlichen und politischen Akteuren hinreichend Reagibilitätsspielraum zur Verfügung steht. (3)

(1) Becker, L./Ehrhardt, J. (Hg.); Business Netzwerke: Wie die globale Informations-Infrastruktur neue Märkte erschließt; Stuttgart 1995 (Handelsblatt-Buch: Schaeffer-Poeschel – ISBN 3-7910-0936-2)
(2) Dr.-Ing. Robert Pestel *02.10.1941 +18.04.2003, Europäische Kommission, Global2000, Deutsche Gesellschaft des Club of Rome, Brussels Chapter of the Club of Rome
(3) Becker, L./Ehrhardt, J./Gora, W. (Hg.); Führen in der Krise – Unternehmens-und Projektführung in schwierigen Zeiten; Düsseldorf 2009 (Reihe: Die Neue Führungskunst – The New Art of Leadership, Symposion: ISBN 978-3-939707-52-3)




  • http://www.a-zeuch.de Dr. Andreas Zeuch

    Lieber Herr Becker,

    ein spannender Gedankengang. Gerade im letzten Absatz sprechen Sie die Grenzen der Selbstorganisation an. Ich selbst bin ja nun eindeutig ein Verfechter der Selbstorganisation. Sie ist eines der fünf grundlegenden Prinzipien, um eine effektive Entscheidungskultur in Unternehmen entwickeln und pflegen zu können. Aber offensichtlich sind irgendwann irgendwo die Grenzen dieser Selbstorganisation erreicht.

    Das wir die aktuelle Krise hatten, lag sicherlich an verschiedenen Faktoren. Einer ist die epistemische Arroganz, die maßlose Überschätzung des eigenen Wissens verbunden mit der Überschätzung der eigenen Kontrolle und Steuerungsfähigkeit und der Unterschätzung des eigenen Nichtwissens.

    Ein anderer zentraler Aspekt ist aber etwas, was Sie hier noch gar nicht angesprochen haben: Der kollektiv blinde Glaube an das heilsbringende Wirtschaftswachstum. Dazu habe ich amüsanterweise gerade heute meinen neuen Blogartikel verfasst:

    Fakten, Argumente und eine Umfrage: http://bit.ly/7FJEr

    Herzliche Grüße
    Andreas Zeuch

  • http://www.karlshochschule.de Prof. Dr. Lutz Becker

    Robert Pestel, Johannes Ehrhardt und ich haben viel über die Prinzipien der Selbstorganisation diskutiert. Vor allem Robert war – keineswegs nur aufgrund der Auswüchse in der EU-Kommission (man denke an Bananen- und Gurkenverordnungen), seinem Arbeitgeber – ein glühender Verfechter von Selbstorganisation. Wenn man sich die EU-Politik anschaut, scheint sich seitdem auch etwas bewegt zu haben. Ich erinnere mich aber auch, dass ihm die zunehmende Loslösung des Kapitalmarktes von der Realwirtschaft ernste Sorgen bereitete. Er war übrigens auch derjenige, der mich dafür sensibilisiert ist, dass in Systemen weniger die Elemente, sondern das, was auf den Kanten passiert, wirklich spannend ist.

  • http://www.a-zeuch.de Dr. Andreas Zeuch

    Ja, das mit den Kanten teile ich – glaube ich… Ich würde sagen: Die Beziehung der Elemente ist wichtiger, als die Elemente selbst. Trifft das in etwa Ihre Begrifflichkeit?

    Ein übrigens äußerst interessantes Phänomen mangelhafter Selbstorganisation finde ich immer wieder bei Karatelehrgängen: Wenn sich die Teilnehmer ausrichten sollen, so wäre dies eigentlich eine äußerst simple Aufgabe: Jede Reihe richtet sich nach rechts hin aus, solange, bis es eine saubere Linie gibt. Nach vorne orientiert man sich einfach an dem-/derjenigen, die vor einem steht. So sollte es eigentlich möglich sein, dass sich innerhalb von 1-2 Minuten auch 150 Personen selbst organisieren. Interessanterweise klappt das fast nie. Habe bis heute nicht verstanden, wo das Problem liegt, denn die Teilnehmer sind weder zu blöd noch unwillig… Das mag jetzt witzig klingen, ist aber eine ernst gemeinte Frage.

    Die einzige Möglichkeit, wie wir (Finanz-)Märkte zu einer effektiven Selbstorganisation bewegen könnten, ist über neue kulturelle Werte. Wenn es nicht mehr das ultimate Ziel ist, möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit zu verdienen, sondern wenn es uns allen ein inneres Bedürfnis wäre, nachhaltig und sinnvoll zu wirtschaften, dann wären Exzesse wie die, die zu 2007/2008 geführt haben, wohl eher die pathologische Ausnahme anstelle der bejubelten Regel (Heros of the universe).