Psychological Ownership

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 24.04.2010

Neulich beobachtete ich beim Arzt zwei kleine Kinder, die sich lautstark um ein dort stehendes Spielzeug stritten. Obwohl das Spielzeug sozusagen “public domain” war, spielten sich wahre Dramen ab: Tränen, Tritte und nach Mitleid heischende Blicke auf die jeweilige Muddi. Jedes der Kinder betrachtete das Spielzeug natürlich als das seine und verteidigte es mit Zähnen und Klauen: der Spielwert wurde zur Nebensache.

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Wer kleine Kinder hat, weiß genau was “Psychological Ownerhip” (PO) ist. Wer einmal ein Team vermeintlich erwachsener Menschen geführt hat auch. Da wird der Umzug zwischen zwei Büros zum Drama, die falschen Felgen am Firmenwagen zur Sinnkrise, auf das falsche Handy folgt die Kriegserklärung. Psychological Ownership hat viel mit Commitment und Leistungsbereitschaft zu tun. Im günstigsten Fall führt Psychological Ownership dazu, dass Mitarbeiter und Teams wahre Wunder verbringen können. Psychological Ownership ist dann Dünger für Betriebsklima und wirtschaftlichen Erfolg. Psychological Ownership kann aber auch in Gegenteil umschlagen. Pathologische Formen führen zu Abschottung, Informationsverweigerung und Widerständen in Organisationen – zu Mobbing und Krankheit. Für Führungskräfte bedeutet das, dass sie positives PO fördern und negative Formen von PO mit allen Mitteln vermeiden sollten.

Veronika Dinius, Bacheloreatin der Karlshochschule und der University of Lincoln, ist Studierende im Masterprogramm Leadership an der Karlshochschule. Auf der InterPM, einem von der GPM – Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. und der GI – Gesellschaft für Informatik e. V. organisierten Kongress im Commerzbank Bildungszentrum Collegium Glashütten, stellte Veronika ihre Studie zu Psychological Ownership vor. In einen namhaften Energieunternehmen hat sie zuvor in verschiedenen Bereichen das Vorhandensein und die Konsequenzen von PO mit wirklich spannenden Ergebnissen untersucht.

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Die InterPM bot mit ihren zahlreichen interaktiven Elementen, wie Open Space und Fishbowl Diskussionen, aber auch ausreichend Platz für persönliche Gespräche am Rande, einen optimalen Rahmen, neue Erkenntnisse im Kreise hochrangiger Experten aus Wissenschaft, Industrie und Verwaltung zu diskutieren.

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Erstes Postskriptum: Dank der wirklich unterhaltsamen Key Note des Würzburger Bienenforschers Professor Jürgen Tautz weiß ich jetzt, dass das Bienenvolk zwar hoch effizient, die einzelne Biene allerdings auch ziemlich faul ist, und dass Organisationsforscher von Bienen noch eine Menge lernen können.

Zweites Postskriptum: Der wirklich gut gemachte Konferenzband ist im dpunkt.verlag erschienen:

Wagner, R./Engstler, M. (2010) (Hg.): Projektarbeit zwischen Effizienzdruck und Qualitätsanforderungen; Heidelberg

Drittes Postskriptum: Es ist üblich, Psychological Ownership mit “Psychologischem Eigentum” zu übersetzen. Diese Übersetzung führt aber, wie wir auf der Konferenz gesehen haben, leicht zu Missverständnissen, z. B. wenn man hier Eigentum fälschlicherweise im Sinne von “Geistigem Eigentum” – “Intellectual Property” versteht. Vielleicht wäre der Begriff “Psychologischer Besitzanspruch” in manchen Fällen geeigneter.



  • ...noch zu Dr. David Stang: Ein höchst ehrenwertes und geniales Beispiel für Teilen und Verbreiten ist der http://www.zipcodezoo.com/ Ein tolles Projekt!
  • Psychological Ownership ist auf jeden Fall ein kulturell aufgeladenes Konstrukt. Man denke an das "Jedermannsrecht" in Skandinavien auf der einen und "My home is my castle" auf der anderen Seite. Ganz unterschiedliche Konstruktionen von Eigentum und Besitz.

    Zum zweiten Teil Deines Kommentars: Ich glaube, dass uns die Evolution noch gar nicht mit den Instrumenten ausgestattet hat, mit den Kommunikationsoptionen, die wir in unserer Gesellschaft geschaffen haben, angemessen umzugehen. Das wird wohl noch kommen. (Gibt es so etwas wie Kommunikationsdarwinismus???) Eines steht fest. Der Vernetzungsgrad von Organisationen erhöht in der Regel deren Überlebensfähigkeit (wobei es durchaus Situationen gibt, wo genau das Gegenteil der Fall ist). Ein Beispiel aus meinem früheren Berufsleben: Der Computervirus. Je vernetzter die Population ist, desto schneller verbreitet sich der Virus (Love Letter war ein gutes Beispiel). Auf der anderen Seite sicherte der hohe Vernetzungsgrad der Virus Buster (z. B. über EICAR) das System, weil dadurch Fixes schneller entwickelt und verbreitet wurden (man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Resilienz des Systems). Das Schutzsystem funktionierte in den 90er Jahr nur, weil sich Leute wie John McAfee, Alan Salomon, Kenneth Walls und der Rest der Community (mir fallen da noch Professor Brunnstein und mein alter Kollege David Stang, Mit-Gründer der ICSA, ein) trotz der unverkennbaren Wettbewerbssituation auf "psychologische Besitzansprüche" verzichtet haben, wenn Not am Mann war, und ihr Know-How ausgetauscht haben.

    Jürgen Tautz hat in dem InterPM Vortrag die intime Kommunikation dem Broadcasting im Bienenstock gegenübergestellt. Ich habe auch mal irgendwo geschrieben, dass jede Situation einen situativ angemessenen Kommunikationsrahmen braucht, der sich in verschiedenen Qualitäten von Verbreiten, Empfangen, Austauschen, Teilen etc. darstellt. Und ähnliches dürfte für PO gelten.
  • Demnach ist "Besitz" oder "Eigentum" immer Belohnung und Strafe zugleich, oder gibt es tatsächlich Szenerien, bei dem kollektives Eigentum wirklich von allen Systemteilnehmern anerkannt wird?

    Geht man mal einige Jahrhunderte zurück so könnte man sich mal genauer den Konflikt zwischen den amerikanischen Ureinwohnern und den europäischen Siedlern anschauen. So weit ich weiß hatten die indianischen Stämme eine ganz andere Vorstellung von Besitz und Eigentum, jedenfalls wenn es um Grundbesitz ging - oder ist das nur verklärte Romantik?

    Überhaupt ist derzeit der Grabenkrieg zwischen teilen und alleinig herrschen deutlich erkennbar. Auf der einen Seite das Sharing-Prinzip, Networking und Kooperation - auf der anderen Seite das Horten von Informationen und der Drang nach alleinigem Profit. Bin gespannt was sich am Ende durchsetzt bzw. interessant ist es wohl eher die Frage zu stellen ob wir für einen evolutionären Prozess nicht gar so ein Spannungsfeld benötigen? Müssen wir kämpfen um genug Leidenschaft zu bilden Dinge voranzutreiben, oder gibt es auch Potenzial der Weiterentwicklung im Zustand der absoluten Zufriedenheit?
  • Die Möglichkeit, Kontrolle auszuüben, fördert in der Tat PO. Dann stellt sich direkt die Frage nach den Besitzobjekten und der sozialen Perspektive darauf. Ist es zum Beiospiel "unser" Auto, also ein kollektiver, gemeinsamer bzw. geteilter Besitz im Sinn von Familienkutsche oder ist es mein Auto, also im Sinne von individuellen Besitzansprüchen, Fetisch etc.? Und wenn es geteilter Besitz ist, wer ist die relevante Anspruchsgruppe? Wer zieht deren Grenzen? Ich glaube, dass man diese Frage durchaus aus einer evolutionspsychologischen Perspektive diskutieren kann und sollte. Darüber hinaus stellt sich uns die Frage, wie man PO in Führungssituationen bewältigt. Es gibt unzweifelhaft "gute" und "schlechte" Ausprägungen von PO; heißt das aber auch, dass es ein Optimum gibt? Und wo ist der Kipppunkt zwischen "gut" und "schlecht"? Wenn es so ein Optimum gibt, welche Instrumente stehen und dann zur Verfügung, um PO in die eine oder andere Richtung zu lenken, zu hebeln oder zu instrumentalisieren? Du siehst: Viele Fragen und Forschungsbedarf für Jahre....
  • Ich würde übrigens sehr gerne zu diesem Thema, also "PO", einen Podcast machen. Wäre schön wenn ich dich Lutz und Frau Dinius dazu gewinnen könnte. Hätte da nämlich noch eine paar Fragen ;-)
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