Das Internet und der Kampf der kulturellen Wertewelten
Autor: Patrick Breitenbach am 19.04.2010Letzte Woche habe ich die re:publica besucht, trotz Kritik einiger Blogfraktionen sicherlich der größte und wichtigste Kongress in Deutschland zum Thema Netzkultur. Einen herausragenden Vortrag von Prof. Dr. Peter Kruse möchte ich an dieser Stelle mit euch teilen:
Sein Vortrag ist grob in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil gibt eine Auswertung einer wissenschaftlichen Befragung wieder, die Kruse und sein Team mit ca. 200 Heavy Internet-Usern abgewickelt hat. Kruse wollte abfragen, wie die netzkulturellen Werte innerhalb der auf den ersten Blick homogen wirkenden Peer-Group gelagert sind. Das Ergebnis ist erstaunlich und erschreckend zugleich.
Die Intensivnutzer des Internets (alle Altersschichten wurden befragt) spalten sich sehr klar in zwei Lager: Die “Visitors” und die “Residents” (nicht abhängig von Alter). Die “Visitor” beobachten das Netz nur und nehmen nur dann daran teil, wenn es unbedingt sein muss, also geschäftliche Kommunikation oder kontrollierte Informationsstreuung im Sinne des Reputationsgewinns. Sie betrachten die andere Seite der Nutzer, also die “Residents”, quasi als unverantwortliche Spinner, die ihr Privatleben öffentlich ins Internet stellen und aktiv Onlinedienste wie Twitter, Facebook und andere Social Webapplikationen nutzen. Die einen sind Kontrollfreaks, die anderen revolutionierende Chaoten (überspitze Formulierung von mir). Die einen sind – wie ich hier schon beschrieb - neophil, die anderen neophob. Zwischen beiden liegt ein scheinbar unüberwindlicher kultureller Graben, der – so Kruse – die prägnanten Züge eines Glaubenskrieges und eben nicht die Eigenschaften eines fachlichen Diskurses aufzeigt. Wenn wir jedoch mittendrin in einem solchen Glaubenskrieg stecken, dann wird die allgemeine Weiterentwicklung des Internets und damit auch der Gesellschaft (bestehend aus allen Nutzern) gebremst. Witzigerweise sind ja alle Befragten der einhelligen Ansicht, dass das Internet so oder so unvermeidlich ist.

Kruse resultiert nun daraus, dass wenn man das System Internet tatsächlich irgendwie aufhalten wollen würde – also auf Seiten der Kritiker, die dem Internet etwas böses, dummes oder ähnlich negatives zuschreiben wollen – so müsste man das Internet wirklich komplett abschalten.
Insgesamt ist dies eine hochinteressante Thematik, denn anstatt dass man sich nun gemeinsam bemüht rational das bestehende unaufhaltsame System aktiv mitzugestalten, lenkt man sich durch limbische, polemische Grabenkriege auf allen Kanälen gegenseitig von der eigentlichen Aufgabe ab, vielleicht auch weil sie zu komplex erscheint. Besonders verheerend sieht Kruse das, gerade weil dieser Glaubenskrieg von den Experten geführt wird, die eigentlich sich fachlich miteinander auseinandersetzen sollten, um in der Sache weiterzukommen.
Im zweiten Teil erläutert Prof. Dr. Kruse seine Hypothesen zum allgemeinen Machtverschiebung durch das Netzwerksystem “Web”. Hierarchische Strukturen, also das “Top-Down” System, sind durch die Informationstransparenz und der Möglichkeit sich schnell in mächtige Meinungscluster zu sammeln, bedroht und werden Zug um Zug umgekehrt. Es geht auch nicht darum diese Top-Down-Systeme zu zerstören, sondern die Systeme nach und nach in eine neue, partizipative Form zu transferieren. Der Wandel findet sowieso statt und zwar automatisch durch die fortwährende Existenz des Internets. Wie gesagt, aufhalten könnte man diese Entwicklung nur, indem man das Web komplett abschaltet – ein Unterfangen, welches die großen bekannten Internetzensurstaaten nur all zu gut kennen dürften. Bremsen ja – stoppen nein.
Insgesamt sehe ich Prof. Dr. Kruses Vortrag als immens wichtiges Signal für alle Netzbeteiligten. Es gilt für alle das Loslassen zu üben. Das Loslassen von der Vorstellung, man könne alles kontrollieren und manipulieren: Seine Kunden, seine Angestellten oder seine Bürger. Auf der anderen Seite sollten aber die Digital Residents begreifen, dass es berechtigte Ängste vor dem Kontrollverlust gibt und man daher entsprechende Alternativen erarbeiten muss. Schließlich sind all diese Ängste existenzieller Natur. Es geht um Geschäftsmodelle und teils ganze Branchen die da gerade im Sterben liegen. Daher kann das alleinige “alles ist frei und kostenlos” auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Das Prinzip “Sharing” muss eben auch immer wieder beachten, dass wir alle noch vom Medium “Geld” extrem abhängig sind und vom System auch gehalten werden.
Würde man mich bitten mal radikal in die Zukunft zu schauen, würde ich mich zu der Aussage hinreißen lassen, dass das Geld als Medium und Währung in Zukunft irgendwann ebenfalls überflüssig werden wird, denn ähnliches hat die Menschheitsgeschichte schon mit anderen Tauschmedien erlebt. Früher tauschte man mit Perlen und Muscheln und was wird morgen sein? Spannend wird es erst wenn wir in die Science Fiction gehen und uns vorstellen würden, dass wir Lebensräume digital und virtuell wirklich erleben und erfühlen könnten. Dann würden seltene Güter und Privilegien, beispielsweise ein Privatstrand, plötzlich für jeden zugänglich sein können (vgl. Holodeck bei StarTrek). Was würde das dann aber für den Wert des echten Strandes bedeuten, der ja nur so immens hoch ist, weil er extrem limitiert ist (und in Zukunft aufgrund des Bevölkerungswachstums noch viel limitierter wird)? Aber das ist vielleicht einen gesonderten Blogeintrag wert.
Egal wie wir es also betrachten, wir befinden und mitten in einem gigantischen Umbruch und derzeit kann man den Frust auf beiden Seiten erspüren. Es geht irgendwie nicht richtig vorwärts, weil auf beiden Seite die existenziellen Ängste zu groß sind. Zu viel müsste man loslassen, als das man den weiteren wichtigen Schritt gehen kann. Und genau das eint dann am Ende wieder beide Seiten: Der alte Affe Angst. Ein typisch deutsches Problem würde Jeff Jarvis wohl sagen, doch das war wieder ein ganz anderer Vortrag…
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