Karlsgespräch mit Gerhard Goll: Wo sind unsere Vorbilder geblieben?
Autor: Florian Bernard am 14.04.2010Knapp 100 Besucher befassten sich am gestrigen Dienstag im Rahmen der Karlsgespräche zusammen mit Gerhard Goll mit der Frage “Wo sind unsere Vorbilder geblieben?”. Ein sehr bewegender Vortrag, wie auch die beiden Studierenden Annika Rockstroh und Julia Hillmann meinen:
Was ist ein Vorbild?
Zu Beginn des ersten Teiles wies Goll darauf hin, dass heute häufig die Ausdrücke „Vorbild“ und „Leitbild“ als Synonym verstanden werden. Diese Assoziation ist Golls Ansicht nach verfälscht. Er selbst definiert Vorbilder als ein „Wesen oder eine Sache, das oder die Orientierung gibt – aber nicht irgendeine Orientierung, sondern eine gute, positive“. Im Gegensatz zum Leitbild geht mit einem Vorbild also auch immer ein moralisches Attribut einher, das weder langweilig noch fehlerfrei ist.
Brauchen wir Vorbilder?
Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Motto „Jeder ist sich selbst das beste Vorbild“ folgt. Diese Egomanie, so Goll, stutzt das Vorbild an sich auf ein Mittelmaß, obwohl wir aus Bequemlichkeit ganz ohne Vorbilder nicht lebensfähig wären.
Unser Leben ist vom Streben nach Erfolg geprägt. Doch dieser hat nicht zwangsläufig auch moralische Qualität. Werte wie Respekt, Ehrlichkeit und Demut stehen der Vorbildsfunktion näher als dem Erfolg, schließen diesen aber nicht aus. An diesen Gedanken knüpfte Goll mit seinen individuellen Vorbildern an, zu denen unter anderem bekannte Persönlichkeiten wie Bismarck, Theodor Heuß und Dietrich Bonhoeffer zählen. Hierbei wies er ausdrücklich darauf hin, dass diese keineswegs auf die Allgemeinheit zu übertragen sind – andere würden Mutter Teresa oder Luther als Ideale wählen. Eine subjektive Auswahl an Vorbildern muss jeder im Laufe des Lebens für sich selbst treffen. Jedoch verbindet all diese die Bereitschaft zur Übernahme von Aufgaben und der Verantwortung für diese.
Fehlen Vorbilder, und wenn ja, wo sind sie geblieben?
Anstelle von Eltern, Lehrern und Vorgesetzten übernehmen im 21. Jahrhundert Fernsehen, Internet und andere Medien weitestgehend Erziehungs- und Bildungsfunktion. Aber warum fehlen Vorbilder?
Niemand fühlt sich mehr verantwortlich, noch nicht einmal sich selbst gegenüber. Unsere Gesellschaft ist geprägt von Egomanie, wobei wir vergessen, dass wir ohne das Miteinander nicht leben können. Die Kultur des Mitgefühls ist existentiell, aber verloren gegangen. Man sehnt sich nach Autoritäten, die dazu aufrufen, seinen Nächsten wieder wahrzunehmen und ihm mit Respekt und Achtung gegenüberzutreten.
Goll endete mit dem Appell, dass es wieder Menschen geben müsse, die durch Vorbildsein den Weg in die Zukunft weisen. Ganz nach dem Motto: „Wenn du das Richtige tust, wirst du auch andere inspirieren, das Richtige zu tun.“
Wir danken Herrn Goll für einen weiteren sehr interessanten Vortrag, der vor allem auch durch seine gesellschaftskritischen Ansätze jeden Einzelnen bewegen sollte, Vorbild für die nächste Generation zu sein.
“Vorbilder sind keine Moralautomaten”
Am Donnerstag, 29. April findet das nächste Karlsgespräch statt. Der Gründungsintendant des Deutschlandradios Prof. Ernst Elitz befasst sich mit einem journalistischen Thema: Die “bösen” Medien! Die “miese” Politik! – Zehn Vorschläge wie der Journalismus die Wirklichkeit besser abbilden kann.
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