Der große Graben? Neue Medien/Technologien in der Unternehmenskultur

Autor: Patrick Breitenbach am 9.04.2010

Das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) in Wien hat einen interessantes Manuskript von Michael Nentwich veröffentlicht (November 2009) unter dem Titel “Cyberscience 2.0 oder 1.2? Das Web 2.0 und die Wissenschaft” (gefunden via cspannagel). Der wissenschaftliche Aufsatz geht der Frage nach inwieweit die Werkzeuge der neuen Medien, subsumiert unter dem Begriff Web 2.0, derzeit aktiv dazu beitragen, die wissenschaftliche Arbeit sinnvoll zu unterstützen. Als vorsichtiges Fazit seiner Arbeit beschreibt Nentwich wie folgt:

Angesichts der Frühphase der Nutzung (viele Dienste sind weniger als drei Jahre im Einsatz und wurden von den WissenschafterInnen kaum entdeckt) ist eine Potenzialabschätzung noch kaum möglich. Freilich gibt es einige gewichtige Argumente, die sachlich gegen eine rapide Verbreitung sprechen (Zeitmangel, fehlende Anreizsystem, mangelnde Nutzenerwartungen usw.). Während erste Schritte auf dem Weg der Weiterentwicklung der Cyberscience bereits gesetzt worden sind, erscheinen die möglichen Folgen für die Wissenschaft jedoch nicht wesentlich über das hinauszugehen, was bereits vor dem „Hype“ des Web 2.0 absehbar war. Im Softwarejargon gesprochen, ist somit durch das Web 2.0 anstelle einer neuen „Release Cyberscience 2.0“ eher ein „Update auf Cyberscience 1.2“ zu erwarten.

Damit teilt Nentwich auch meine Einschätzung. Die (Informations)Technologie an sich scheint derzeit förmlich zu explodieren. Bei jeder innovativen technischen Neuerung geht ein Raunen durch die von den Medien geschaffenen Mainstream-Wirklichkeit (vgl. diverse Apple-Hypes) und man spricht in diesem Zusammenhang sofort (meist immer von den gleichen Experten attestiert) von einer medialen Revolution. Was aber in diesem Kontext oft vernachlässigt wird ist die Tatsache, dass der Mensch selbst sich geistig wesentlich langsamer weiterentwickelt, als es seine Werkzeuge tun (Stichwort Technologische Singularität). Die Nutzung von neuer Technologie bleibt zunächst immer nur einem kleinen Kreis von extrem neophil veranlagten Menschen (im technologischen Bereich) vorbehalten. Sie sind es aber auch gleichzeitig, die meist die wichtigen Schalthebel der medialen Wirklichkeit bedienen, denn es gehört zu ihrem täglichen Geschäft als “Medienmacher” mit der sich rasant weiterentwickelnden Informationstechnologie auch galant umzugehen.

cyborg

Sobald es aber in die gesellschaftliche Tiefe und Breite geht, sieht die Wirklichkeit natürlich völlig anders aus. Innerhalb von komplexen Systemen wie Unternehmen, und dann eben auch in wissenschaftlichen Organisationen, ist das Verhältnis von neophil und neophob veranlagten Menschen ein völlig anderes. (Übrigens möchte ich nicht implizieren, dass die beiden Begriffe neophil und neophob wertend verstanden werden. Es ist nichts “schlechtes” daran, dem Neuen und der technischen Weiterentwicklung skeptisch gegenüberzutreten. An der Stelle verweise ich immer auf mein Lieblingszitat von Paracelsus “Die Dosis bestimmt das Gift”. Und das gilt eben auch für beide Seiten.)

Daher ist es entscheidend sich bei der Implementierung von neuen Technologien sehr genau anzusehen, wie die bestehende Unternehmenskultur zusammengesetzt ist. Ein passendes Stichwort dazu ist sicherlich “Diversity”, also die Vielfalt von Lebenswirklichkeiten der Menschen innerhalb eines Systems. Die heutige Befreiung der Gesellschaft, im Sinne von Öffnung der Vielfalt an möglichen Lebensperspektiven (sexuelle Befreiung, Emanzipation, Religionsfreiheit, Toleranz von Minderheiten, Globalisierung usw.), führt nämlich gleichzeitig auch zu einer Überforderung durch den komplexeren Entscheidungsprozess der dabei entsteht. Je mehr Auswahlmöglichkeiten ich für meine eigene Identität zur Verfügung habe, je mehr gesellschaftlich geduldet und gefordert wird, desto eher zweifelt man vielleicht an der eigenen Entscheidung, an den eigenen Identitätskomponenten und desto schwieriger fällt einem eine etwaige Neuorientierung.

Gleichzeitig tritt in diesem Zusammenhang eben auch eine Art Scheuklappeneffekt auf, also eine Abschottung vor neuen Dingen, die meine bisherige Lebenswirklichkeit auf eine bestimmte Weise bedrohen, nämlich dadurch, dass sie berechtigterweise, im Sinne der freien Gesellschaft, meine Lebenswirklichkeit nicht mehr als die eine wahre Wirklichkeit anerkennt. Es kommt zum Kampf der Ich-Kulturen, der aber gleichzeitig durch die oberste gesellschaftlich vereinbarte Prämisse der Toleranz von anderen Identitäten in Zaum gehalten wird. So entstehen eher kleine Scharmützel in Form von unterschwelliger Sabotage (Verweigerungshaltung) und sonstigen passiv-aggressiven Abwehrreaktionen.

Genau diese Grabenkämpfe treten auch im Zusammenhang mit der Einführung von neuer Technologie und damit verbundenen neuen notwendigen Verhaltensweisen auf. Die psychologische Herausforderung ist durch eine einfache technologische Schulung durch die IT-Abteilung eben nicht einfach so zu meistern. Und die große Gefahr liegt in der potenziellen Ausgrenzung und Aussonderung von wichtigen Mitarbeitern, die nicht gewillt sind den Weg der neuen Technologie in derartiger Geschwindigkeit mitzugehen. Es besteht die Gefahr der Entstehung einer Parallelgesellschaft und der Verlust von wertvollem Wissen und Können innerhalb von Unternehmen und Organisationen. Es besteht zudem die Gefahr, dass der Flow innerhalb eines Unternehmens zu stocken droht oder gar dazu tendiert zu eindimensional und parallel zu verlaufen.

Die Fragen in diesem Zusammenhang lauten also, wie kann man alle Mitarbeiter innerhalb des teils durchaus sinnvollen technologischen Weiterentwicklungsprozesses mitnehmen? Wie schafft man Anreize zur Nutzung von neuen Medien? Wie geht man ganz allgemein mit der Vielfalt von Lebenswirklichkeiten innerhalb einer Unternehmenskultur um und wie baut man entsprechende Brücken um den Vorteil von Technologie und menschlicher Erfahrung in Einklang zu bringen?

Ich freue mich jedenfalls, wenn wir genau diese und ähnliche Fragen im Zuge der anstehenden (IBM) Lotus Jamcamp Bustour, die ihren Halt am 21. April 2010 hier bei uns an der Karlshochschule macht (13.30 bis 15.00 Uhr in Raum 306) gemeinsam mit den Teilnehmern, einigen Professoren und Studierenden zu beleuchten und diskutieren. Interessierte Teilnehmer und Zuhörer sind herzlich dazu eingeladen an diesem kleinen Think-Tank teilzunehmen.