Das Internet und die kulturellen Ängste

Autor: Patrick Breitenbach am 13.03.2010

Wenn wir darüber sprechen, dass es Systeme gibt, die das Internet am liebsten aussperren und dessen Benutzer einsperren wollen, dann muss man lernen den Hintergrund dessen zu verstehen. In den wenigsten Fällen handelt es sich dabei um eine proaktive böse Absicht, sondern um pure Angst vor der Angst. Die Angst, dass sich Dinge verändern und man als herrschender Teil einer Kultur keine Kontrolle mehr über eine derartige Veränderung hat. Das Fremde dringt plötzlich in einen Lebensraum ein. Das Fremde, das Andersartige als Sinnbild der Urangst. Das Fremde aufgrund seiner Unberechenbarkeit, das Andersartige aufgrund der Möglichkeit, dass unser bisheriges, für uns stets normales Tun nicht “richtig” ist oder war. Bei beiden droht unsere Welt und damit unsere Identität zusammenzubrechen.

In diesem Zusammenhang bin ich heute auf einen sehr schönen Absatz aus dem Buch “Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft” von Roberto Simanowski gestolpert, der momentan wohl intelligentesten Enzyklopädie zur neuen Web 2.0 geprägten Kultur:

Das Spannungsverhältnis zwischen Staat und Medium ist freilich kein neues Phänomen. Regierungsinstitutionen und Kirche haben Kommunikationstechnologien immer mit Argwohn betrachtet und darin den Verlust der Kontrolle über das Denken der Glaubensgemeinschaft, der Landeskinder bzw. der Staatsbürger befürchtet. Als die Bibel endlich auch auf Deutsch vorlag, fürchtete der Klerus um sein Auslegungsmonopol. Als das Buch als Medium massenweise Verbreitung fand, sprach man anspielungsgenau von der Leseseuche und warnte vor der Untergrabung des individuellen und gesellschaftlichen Glücks, da Bücher falsche Gedanken und Wünsche wecken können. Als das Reisen in andere Länder nicht mehr auf die Grand Tour der Aristokratensöhne beschränkt war, sprach man von der Reiseseuche und fürchtete den Import fremder Sitten in die Heimat. Die Bedrohung, die man vom Internet ausgehen sieht, ordnet sich in die Tradition des Argwohns ein und stellt zugleich eine völlig neue Qualität dar. Denn nun kommt die geistige Konterbande ins Land, ohne dass sie jemand bringen müsste. Sie liegt auf einem Server weit weg von den Landesgrenzen. Insofern das nationale Recht auf dem Territorialprinzip basiert, lässt sich der Übeltäter kaum zur Verantwortung ziehen, während im Land des Servers der Stein des Anstoßes unter das Recht auf freie Meinungsäußerung fallen mag. Dem Verbrechen fehlt der Tatort, dem Tatort das Verbrechen.




  • Maren

    Sehr interessanter Vergleich, bzw. Fortführung unserer “Mediengeschichte”- auch wenn das Internet natürlich noch viel größere Dimensionen schafft als damals der Buchdruck…der Effekt ist jedoch bei den Menschen subjektiv gesehen wahrscheinlich der gleiche…

  • http://www.karlshochschule.de Patrick Breitenbach

    Hallo Maren,

    im jeweiligen Kontext gesehen waren die Dimensionen sicherlich ziemlich nah beieinander. Beide Mediensprünge sorgten auch gleichzeitig für eine gesellschaftliche Umwälzung. Im Grunde genommen vertrete ich auch die These, dass der Buchdruck erst Voraussetzung war um beispielsweise sehr klare und gefestigte hierarchische Herrschaftsstrukturen anzukratzen und letztlich abzulösen. Herrschaft bedingt auch ein Monopol an Informationen. Der Buchdruck war der erste Schritt der Meinungsdemokratisierung, wenn auch im kleineren Stil. Das Internet folgt dem Grundprinzip.

    Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch darauf zu achten, wer die Hoheit über das jeweilige Medium besitzt. Der Buch- und damit auch Pamphletdruck war/ist weniger kontrollierbar als ein staatliches Massenmedium wie Radio (z.B. ’33-45) oder Fernsehen.

    Daher reagieren sehr viele Menschen sehr bewusst allergisch, wenn der Staat versucht das neue Medium für die Masse, also das Internet, in irgendeiner Form zu reglementieren – egal zu welchem Zweck.

    Insgesamt eine äußerst spannende Diskussion rund um die Hauptfrage: Wem gehört seine Meinung und wo darf ich sie streuen?