Praktikums Tagebuch-das Finale!

Autor: Solveig Schwarz am 9.03.2010

Wie versprochen, ist er da, der Orkan… mit einer Windstärke von ca. 130 km/h haben selbst mein Haare, trotz Dreiwettertaft ihren Halt verloren. Nägel, Werkzeug, Bilder, Skulpturen und unendlich viele Menschen wirbeln durch die Hallen und versuchen unmögliches auf die Beine zu stellen. Bis Mittwoch muss alles fertig sein – klar, dass wir mit unserem Stand die Ersten sein müssen. Dies lässt die Zeit allerdings noch mehr gegen uns laufen.

Montag:

Als ob ich es nicht geahnt hätte, ruft mich mein Chef morgens um 08:30 Uhr an. Wie immer sollte ich erst um 11 Uhr an der Galerie sein, aber da Spontanität eines seiner größten Hobbys ist, werde ich kurzfristig aus meinen tiefen Schlaf gerissen um bestmöglich 30 min später an der Galerie abfahrbereit zu stehen. Ja, eine halbe Stunde, ungeduscht und „ungeallest“!

Ohne Frühstück und mit noch gaaaanz leicht verquollenen Augen auf der Messe angekommen, sieht das Messegelände noch genauso verschlafen aus wie ich. Vereinzelt ein paar Aussteller  und Messebauer die letzte Feinheiten ausbessern.

Kaum habe ich die Messe betreten und mich noch nicht einmal umgeschaut, wird das schrad’sche Superheldinnenteam auch schon zum ersten Einsatz gerufen.

Bilder ausladen, ausprobieren wie sie stehen sollen, um sie dann möglichst gerade an die Wand zu bringen. Ecke für Ecke wird unser riesiger Stand zu einer repräsentativen Ausstellungsgalerie.

In der einen Ecke Max Kaminski, gleich neben ihm unsere Meister der Abstraktion mit Georg Meistermann, Erich Fuchs, Hans Kuhn, Shmuel Shapiro und Fritz Winter.

Im letzten Teil unserer Galerie findet man unsere Zauberbilder von Antonio Marra. Ziemlich verspielte bunte Bilder, die eigentlich immer aus zwei verschiedenen Bildern bestehen und durch eine Spachteltechnik für optische Verwirrung sorgen. Zu guter letzt nicht zu vergessen, dass wir auch ein paar Bilder von Christopher Lehmpfuhl dabei haben, um für unsere aktuelle Ausstellung in der Galerie am Zirkel zu werben.

Natürlich haben wir auch einen Skulpturenplatz. Wie der Name schon sagt, sind das Plätze auf denen Skulpturen stehen. Diese Plätze haben wie ich finde eine große Wirkung auf den Messeaufbau, denn wenn man nur einen um den anderen Stand aneinander gereiht hätte, würde es wohl ehr den Charme einer Ausbildungsmesse haben.

Wir haben auf unserer Fläche Skulpturen von Dietrich Klinge dabei. Riesen Dinger, die mir anfangs gar nicht so gut gefallen haben, ich sie inzwischen aber sehr toll finde. Dies liegt wohl daran, dass ich bislang nur kleine Arbeiten von ihm kannte, die nicht so beeindruckend sind. Herausragend für seine Arbeiten ist, dass die Skulpturen aussehen, also seien sie aus Holz, was sie aber gar nicht sind. Ich bin im Gegensatz zu unseren Messebesuchern recht schnell darauf gekommen, da die Spediteure, die die Skulpturen gestellt haben, andauernd dran gestoßen sind und ich mich irgendwann fragte, was hier so Geräusche macht, bis ich die gigantischen Teile angefasst habe. Jetzt war klar, dass sie nicht aus Holz waren, sondern aus Bronze, die so gegossen und bearbeitet sind, dass es von weitem unmöglich ist das zu erkennen. Und wenn man ein braver Betrachter ist, dann schaut man nun einmal mit den Augen und nicht mit den Fingern, was den Schwindel aber schlecht erkennen lässt.

Mit dem fertigen Skulpturenplatz waren wir nun die Ersten die ihren Stand, bis auf ein paar Kleinigkeiten, fertig gestellt hatten. Nun konnten wir das Licht ausmachen und nach Hause verschwinden, während viele der anderen Galeristen gerade erst ankamen und erst jetzt am Auspacken waren.

Dienstag:

Heute ging es an den Feinschliff. Kataloge der Künstler müssen eingeräumt werden, die letzten zwei Marras werden aufgehängt und die fehlenden Skulpturen werden angeliefert.

Zwischen unseren Meistern findet man  nun verschiedene Skulpturen. Der Steinhaufen, welcher aussieht, als hätte sich einer zu lange Andy Goldsworthy Filme angeschaut. Darüber hinaus Arbeiten von Uli Pohl und kinetische Kunst von Jörg Wiele, die sehr meditativ sein kann.

Zu guter letzt eine ganze Menge blaue Yves Klein Möhren von Ralf  Klement. Der Künstler arbeitet die Formen fast ausschließlich mit der Kettensäge heraus. Einst waren seine Möhren noch orange und grün, für diese Messe aber mal was Neues, in blau.

Bei der Beschilderung der  Kunstwerke bekomme ich von unserer Kunsthistorikerin eine kleine Einführung in die schrad’sche Künstlerauswahl, denn immerhin soll ich genau so wie alle anderen Mitarbeiter, Kunden herumführen, beraten, begeistern und bestenfalls auch gleich verkaufen.

In der Galerie Schrade findet man unter den Künstlern viele Professoren der Stuttgarter und Karlsruher Akademie der Künste. Manche von ihnen sind schon tot, andere haben es neben ihren Kollegen wie Baselitz und Lüpertz, nie zum verhofften Erfolg gebracht. Aber was noch nicht ist kann ja noch werden. An unserem Stand ist auch auffallend, dass wir viele abstrakte Bilder dabei haben. In diesem Jahr dominiert auf der Art die figurative Malerei, womit wir für ein wenig Abwechslung sorgen.

Nach meinen kleinen Exkurs in die Kunstgeschichte habe ich Susanne Zuehlke noch geholfen ihre Bilder aufzuhängen. Sie ist eine der wenigen Künstlerinnen die von der Galerie Schrade vertreten werden Susanne kommt aus Düsseldorf, kam zum Studium nach Karlsruhe und lebt und arbeitet noch immer hier.

Was ich hierbei erstaunlich finde ist, dass obwohl ich „nur“ einen Praktikantin bin, ich immer für voll genommen werde und den Mitarbeitern und Künstlern meine Meinung wichtig ist. Das kenne ich aus anderen Praktika ganz anders.

Nachdem fertig stellen meiner Arbeit darf ich in den verdienten Feierabend um für die morgige Eröffnung fit zu sein.

Mittwoch:

Um 14:00 Uhr geht es los die Presse und die Schwips….ähhh VIPs ziehen ein. Viele bekannte und prominente Gesichter laufen durch die 4 Hallen der Art Karlsruhe. Eingepackt haben sie die Leidenschaft für Kunst und das ein oder andere Interesse daran ein Werk zu erwerben, wobei ich mich dabei oft gefragt habe, was da Schein oder Sein ist. Nun ja, meine Aufgabe ist es auch nicht das heraus zu finden, sondern den Besuchern Kunst näher zu bringen, sie vor allem für unsere Künstler und die damit verbundenen kommenden Ausstellungen zu begeistern.

Nach dem ein paar Stunden vergangen waren, taten einem die Beine ganz schön weh und hoffte, dass sich nun bald alle einmal durch die Halle geschoben haben und somit langsam nach Hause gehen.

Gegen Ende wird es dann zum Glück auch leerer und man freut sich in Kürze eine Position im Waagrechten einnehmen zu können.

Donnerstag-Sonntag/Die Messetage:

Die nächsten 4 Tage lassen sich ganz gut zusammenfassen, da so ein Messetag immer irgendwie gleich aussieht. Licht an, unseren schönen weißen Tulpen Wasser geben, Tische von den Fingerabdrücken des letzten Messetags befreien und es kann losgehen.

Da an unserem Stand herrscht Zunft und Ordnung. Wir sind zu viert und jeder hat seine Zuständigkeit. Eva muss sich um Klinge kümmern und immer wieder auf seine Arbeiten klopfen, dass man auch merkt aus welchem Material sie sind. Meli unsere Doktorin muss sich um die alten Kamellen kümmern, die fast alle nicht mehr unter uns weilen. Ula hat die blauen Möhren, die Marras und ich darf mich um Erich Mansen, Max Kaminski und die Türmbauer von Babel, Reiner Seliger kümmern.

„Hallo kennen sie Max Kamiski? Vielleicht ist es in ihrem Interesse, dass unsere kommende Ausstellung in der Galerie am Zirkel eine Max Kaminski Ausstellung ist. Im Fordergrund stehen seine Karlsruher Jahre, als er hier eine Professur an der Kunstakademie inne hatte“. Vielleicht noch ein bisschen was aus seinem Leben erzählt und was seine Kunst geprägt hat. Dann einen Flyer in die Hand gedrückt, noch auf unsere Galerie auf Schloss Mochental aufmerksam gemacht, im besten Fall noch einen Katalog verkauft und „der Nächste bitte“.

Leider waren nur selten potenzielle Käufer darunter, meist Schüler von ihm, die erstaunt waren, dass er noch lebt und ihn unbedingt bei der Ausstellungseröffnung am 11. April mal wieder sehen wollen.

Zum Glück haben wir am zweiten Tag unsere engmaschige Arbeitsauteilung etwas aufgelockert, sonst wäre es wahrscheinlich etwas langweilig geworden.

Mein Lieblingsarbeitsplatz war der bei Antonio Marra. Nicht nur, dass der Künstler meist  vor Ort war, sondern auch seine Werke selbst waren einen Blick wert und verzauberten die Besucher mit Verwunderung und einem Lächeln.

Aber seht selbst:


Wie schon erwähnt bestehen seine Bilder eigentlich aus zwei Motiven. Dadurch, dass es durch Spachtelmassen dem Bild eine Rillenstruktur verleiht wird das Werk dreidimensional. Eine Rillenseite ist anders bemalt als die andere, so ergeben sich die zwei Bilder, eines von der einen Seite und das andere von der anderen. Wenn man dann direkt davor steht liegen die Bilder übereinander und man sieht beide auf einmal.

Das schönste an solch einer Messe ist aber wirklich der Moment in dem es heißt „ Ja, sie nehmen es!“ Wenn das ganze Team dazu beigetragen hat, das eines der guten Stücke den Besitzer wechselt und dieses Gefühl wird auch nicht schlechter um so öfter es passiert, dass könnt ihr mir glauben! In diesen Fällen macht das Einpacken der Bilder natürlich um so mehr Spaß.

Fazit dieser Woche:

Während der Messe habe ich immer wieder gesehen wie anstrengend es ist solch eine Messe durchzuziehen. Klar, da steht ein ganzes Team dahinter, aber der, der immer dabei ist und wirklich überall nach dem Rechten schaut ist Herr Schrade. Sei es eine beschädigte Messestandwand, oder ein Galerist der ihn anspricht, weil eine Tür aufgemacht werden muss um schneller verladen zu können. Er macht wirklich alles und das mit einem Elan, wie ich ihn selten gesehen habe. Jeder der Galeristen, Sammler und Besucher soll denken, dass es ohne ihn nicht gehen würde, aber gerade das macht das Arbeiten aus und verhindert die derzeit herrschende Gleichgültigkeit anderer gegenüber.

Ganz ehrlich, was für eine tolle Chance ist es, bei jemanden ein Praktikum zu machen, der einen überall mit nimmt und einem so vieles weiter gibt, obwohl man ihn gerade einmal ein paar Wochen kennt. Herr Schrade ist für mich ein großes Vorbild, nicht nur, weil er zeigt, dass es keine Behinderung ist nur eine Hand zu haben, sondern auch weil er weiß was er will und mit diesem Willen schafft er es, das Unmögliche möglich zu machen. Oder wem fällt sonst noch eine Messe ein die der Art durch eine Person verkörpert wird.

Deutlich wird mir bei meinem Praktikum auch wieder wie wichtig es ist praktische Erfahrungen auch ganz unabhängig von der Hochschule zu sammeln. Unternehmensprojekte, die an unserer Hochschule durchgeführt werden sind ausnahmslos wichtig und tragen dazu bei, praktische Erfahrungen für das bevorstehende Berufsleben zu sammeln. Aber ganz alleine in einen Betrieb rein zu kommen, sich zu beweisen und zu zeigen, dass man was kann, ist viel, viel wichtiger!

Also liebe KM’ler fühlt euch ermutigt ein Praktikum zu machen, auch wenn es sich nur um 3 Wochen handelt. Ihr müsst dazu nicht nach New York, London oder Paris, schaut euch in Karlsruhe und Umgebung um, was es hier so gibt. Nicht umsonst berichtete das ART Magazin vor kurzem darüber, dass die wichtigsten Sammler in Baden-Württemberg sitzen. Mit Sammlung der Familie Burda und Weishaupt, aber auch mir einem der ältesten Kunstvereine Deutschlands dem Badischen Kunstverein, haben wir doch tolles in der Nachbarschaft zu bieten.




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