Nächstenliebe ist Pflicht

Es muss ein großartiger Abend gewesen sein. Der 80. Geburtstag von Heiner Geißler und sein Geburtstagsgeschenk: Ein Streitgespräch mit Peter Sloterdijk. Gestern Abend, im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. Sloterdijk klagt, so zitiert die Süddeutsche, dass bei der aktuellen Debatte über den Sozialstaat “bei fast allen Gesprächsteilnehmern das Staunen über das real existierende Wunderwerk der Wohlstandsgesellschaft” fehle. Fragt sich, wessen Realität er meint? Heiner Geißler jedenfalls appelliert, Nächstenliebe sei keine Freiwilligkeit: “Nächstenliebe ist Pflicht.”  Vermutlich meint er damit eine aktive, uneigennützige Handlung für die, die zwar in der Wohlstandsgesellschaft leben, sie aber nicht als real existent empfinden. Auch Wohlstandsgesellschaft und Nächstenliebe ist eben eine Frage der Perspektive.

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  1. Es muss ein schaler Abend gewesen sein wenn Geißler nur zur Knute der Pflicht- Nächstenliebe in ganz alter christlicher Unschamhaftigkeit greift. Wenn Nächstenliebe Pflicht ist, dann feiert der Haß am Horizont Pfingsten. Das der (HG) das ohne große Aufregung der Öffentlichkeit sagen darf, zeigt, wie wenig die genießende Mehrheit sich aus solch nutzlosen Appellen macht. HG zeigt sein wahres CDUGesicht! Komisch, warum man den in der CDU so geprügelt hat.
    1968 hätte ich an dieser Stelle gesagt: die Bourguasie zeigt ihr Gesicht. Nein heute muss man sagen, ein verzweifelter Herr verwechselt die Fahrbahn.

    Aber Frau Prof. Mayer-Bonde, was der Kollege PS da so freifrivol behauptet ist doch nicht`s wie Realitätsbeschreibung. Woher Ihr Staunen? Oder was sehen Sie jeden Tag, wenn Sie das was Sie heute sehen mit den Zuständen vor und nach der französischen Revolution oder auch nur mit den Zuständen vor 100 Jahren vergleichen?

    Es ist ebenso, dass das was offen vor uns liegt und die Lage extrem auszeichnet, offensichtlich verschwiegen werden muss.
    Oder anders gesagt, das was niemenad sagen darf, das offene Geheimnis, wird totgebrüllt.Womit: mit Klagen über miserable Zustände ! also eine direkt Umdeutung. das gehört zum professionellen Handwerk der Gewinner. Und zu denen gehört die Mehrheit!!! So erreichen wir, dass die nehmendgebende Hand der Politik zum Stimmenfang noch etwas Geld in die Subventionstöpfe steckt!. Wohlgemerkt in ALLE Töpfe – Herr einäugiger FDPler.
    Oder haben Sie schon einmal Unternehmer, Wohlhabende, Konservative, Häuslebesitzer, Zweitauto- und Drittanzugsbesitzer, Zweimalprojahrinurlaubfahrer, Farbfernsehsehende ZweitHandybesitzer und flatratetelefonierer, Ärzteapothekenkammerpräsisidenten, übergewichtigezweitunddritthamburgeresser,
    sagen hören: Es geht uns allen recht gut, sehr gut und das bisschen Not bekommen wir schon noch wieder in den Griff!
    Zeigen Sie ihn mir. Bitte!

    PHS

  2. Prof. Dr. Lutz Becker

    Zuerst ein eher grundsätzlicher Gedanke. Ich hatte letztes Jahr das Vergnügen der inzwischen schon legendären Solinger Rede von Udo Di Fabio (http://tinyurl.com/yd5a3n6) beizuwohnen, die mich sehr nachdenklich gestimmt hat. Ich finde es, obwohl es sich eine starke demokratischen Gesellschaft (nur die!) leisten kann, einem jeden zuzugestehen, sein Gesicht zu verhüllen, ungemein schade, wenn man sich in der Anonymität des Internet hinter einem kryptischen “Handle” versteckt. Wir können es in unserer Gesellschaft leisten, unsere Meinung frei zu äussern und dazu zu stehen. (Meine Großväter haben, freundlich gesagt, unter viel schwierigeren Bedingungen ihre Meinungen geäussert – mit schlimmen persönlichen Folgen. Auch damals gab es Leute, die sich in der Anonymität versteckten, nicht die des Internets, sondern die der schwarzen Mäntel.) Also bitte: Ich möchte einfach wissen, wer da seine Meinung kundtut.

    Damit komme ich zum zweiten Gedanken. Eine Gesellschaft kann nur prosperieren, wenn sie sich an ein paar Grundregeln hält. Deshalb gibt es in allen Gesellschaften so etwas wie die 10 Gebote, in denen auch das Konstrukt der Nächstenliebe verankert ist. Ohne Besinnung auf diese – weit gefassten – Grundregeln, so meine Meinungen, zerfallen Gesellschaften: Die Menschen werden allzu leicht zum Opfer von Neppern, Schleppern und Bauernfängern. In jeder Gesellschaft (in jedem System!) gibt es aber “Ränder”, also Abweichungen vom Normalmaß (nicht nur “unten”). Diese Ränder sind der Bereich, in denen Gesellschaft ihr (evolutorisches) Veränderungspotenzial angesiedelt haben. Deshalb sind “Ränder”, ob sozial oder kulturell, zuerst einmal gesund für eine Gesellschaft.

    Eine starke demokratische Gesellschaft ist aber in der Lage mit diesen Rändern zu interagieren, sprich: sie hat ein Repertoire damit konstruktiv umzugehen (ob dass die politische Diskussion, die Übernahme neuer Muster und das Ablegen alter, Transferleistungen oder Einschränkungen von individueller Macht sind), auch wenn es optimale Lösungen in komplexen Welten nicht gibt und nicht geben kann. Ich jedenfalls würde mir eine Gesellschaft wünschen, die sich auf breiter Basis (und da schließe ich die Ränder explizit mit ein) den kategorische Imperativ konsequent zur Maxime macht.

  3. Völlig unabhängig von der ermüdenden und wenig hilfreichen politischen Schubladisierung (ich halte mich mittlerweile von jeder Art von Demagogie und dogmatischer Klassifizierung ganz gerne fern) empfehle ich in diesem Zusammenhang die metaphysische Vorlesung von Ernst Bloch aus dem Jahre 1965 unter dem Titel “Antizipierte Realität”:

    http://wissen.dradio.de/index.8.88.de.html?dram:article_id=826&dram:play=1

    “Den Antrieb des Menschen sieht er in einem Gefühl des Mangels, dem Gefühl des Noch-Nicht-Habens. Dabei geht es darum, dass der Mensch sich selbst aus den Horizonten des für ihn Möglichen findet, und das Hoffen klärt, mit dem er immer schon nach vorne unterwegs ist.”

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