Management und Führung: Altes Europa?

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 22.02.2010

Zur Antwort auf meinen letzten Blogbeitrag bekam ich die folgende Email von Frank Widmayer, Personalvorstand der CAS Software AG und seit diesem Semester auch Lehrbeauftragter an der Karlshochschule:

Lieber Herr Becker,

vielen Dank für diesen Blog-Beitrag, Sie sprechen mir aus der Seele! Gerade in der Vorbereitung für die Vorlesung habe ich mich auch wieder intensiver mit amerikanischer Management-Literatur und der dortigen Sicht auf das Thema beschäftigt. Dabei sind mir einmal mehr die deutlichen Unterschiede zwischen der (ursprünglichen) europäischen Art der Unternehmensführung und der amerikanischen klar geworden. Auch der Stand der Wissenschaft zu dem Thema ist bis auf wenige Ausnahmen nach meiner Einschätzung in Europa doch weiter. Gerade die moderne Unternehmensführung wird nach meinem Gefühl in Europa stärker erforscht und mit entsprechenden Modellen unterlegt. Nicht zuletzt St. Gallen, aber auch andere Schulen beschäftigen sich in letzter Zeit wirklich auch sehr intensiv mit den “weichen” Faktoren der Unternehmensführung und legen dort einen großen Schwerpunkt.

Sicherlich hat das auch sehr viel mit der typisch mittelständisch geprägten Unternehmenslandschaft in Europa, aber gerade auch in Deutschland zu tun. Hier ist für mich der Unterschied in der Art, Unternehmen zu führen. Um es platt und undifferenziert zu sagen: In Amerika regieren die Manager (die Sie so treffend als “Leasing-Manager” bezeichnen), in Europa die Unternehmer (oder unternehmerisch denkenden Manager). Leider gilt das nicht so ganz in weiten Teilen der globalisierten Konzerne.

Hier ist mir zuletzt auch der Begriff der Benevolenz (Ich sage immer: “Die gute Absicht zählt”) begegnet. Das ist für mich der entscheidende Unterschied: Will ich wirklich Menschen entwickeln, fördern und Ihnen dabei helfen, Ihr Bestes zu entdecken und dann am Ende fast zwangsläufig auch eine Spitzenleistung zu bringen oder mache ich das alles nur aus reinem Kalkül. Menschen erkennen den Unterschied sehr schnell und verhalten sich dementsprechend. Deswegen sind auch alle Managementtipps wertlos, wenn die Umsetzung mit falschen Absichten verknüpft ist!

Herzlichen Dank auch für die nette Erwähnung der CAS, das ehrt uns.

Mit besten Grüßen

Frank Widmayer

Je mehr ich mich mit dem Thema befasse, desto mehr scheint mir das “Hinterherhecheln” hinter amerikanischen Management- und Führungslehren eine Sackgasse zu sein. Insbesondere ist es für mich eine Sackgasse, das amerikanische Business School System auf Biegen und Brechen übernehmen zu wollen. Ich möchte die Erkenntnisse namhafter Kollegen wie Michael E. Porter oder Clayton Christensen keinesfalls schmälern – im Gegenteil. Dennoch scheint es mir angebracht und notwendig, einen eigenen kulturell anschlussfähigen Weg als “Angebot an die Gesellschaft” (Reinhard Pfriem) zu suchen.

Wie dieser Weg konkret aussehen könnte, würde ich gerne der Diskussion in diesem Forum überlassen!