Byzantinische Einfalt
Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 21.02.2010Als ich die folgenden Zeilen im ansonsten ausgesprochen empfehlenswerten Blog von Förster & Kreuz las, kam mir förmlich die Galle hoch. Ich frage mich. “Wie einfältig muss man eigentlich sein, um in den USA Spitzenmanager zu werden? ”
In einem Interview der Wirtschaftswoche sagt Cisco Chef John Chambers:
Wiwo: “Stimmt es eigentlich, dass Sie keinen Arbeitsvertrag haben?”
Chambers: “Ja. Und das wird sich auch nicht ändern. Ich bin der Meinung, dass ich mich als Firmenchef täglich beweisen sollte.”
Förster & Kreuz dazu:
“Chambers nimmt vorweg, was zukünftig für immer mehr Chefs gelten wird. Nicht, dass sie keine Arbeitsverträge mehr bekommen, sondern dass sie ihren Wertbeitrag Tag für Tag nachweisen müssen. Die dynamischen Hierarchien im Web sind die Blaupause dafür, wie wir Führung in Zukunft denken und leben müssen. Das Prinzip ist ganz einfach, aber nicht leicht: Wer die Chefrolle will, muss den höchsten Wertbeitrag leisten. Und wer die Chefrolle auf Dauer haben will, muss diesen Beitrag auf Dauer jeden Tag aufs Neue leisten.”
Wenn Chambers damit kokettiert, keinen Arbeitsvertrag zu haben, sei das seine Sache (siehe unten). Problematisch finde ich hingegen das dahinter stehende Signal. Die vermeintliche Selbstausbeutung, jeden Tag Spitzenleistungen zu erbringen (die man glauben mag oder nicht) impliziert vor allem eines: “Mitarbeiter folgt meinem strahlenden Vorbild!” Dann wird die vermeintliche Selbstausbeutung schnell zur Fremdausbeutung. Oder anders: Dient die Mär von der Selbstausbeutung hier nicht dazu, eine Selbstausbeutungskultur der Mitarbeiter zu bewirken?
Dass dauernde Spitzenleistungen nicht funktionieren können, ist wissenschaftlich längst bewiesen. Was unter dem Strich geschieht, ist, dass die Mitarbeiter physiologisch in einen Alarmzustand verfallen. Dieser Zustand führt dazu, dass die Menschen zwar funktionieren wie die Ratte im Laufrad, aber nicht wirklich Leistungen erbringen können. (Was da physiologisch geschieht, entnehme man diesem sehenswerten Vortragsvideo von Gerald Hüther, Universität Göttingen).
Betriebswirtschaftlich wie medizinisch, und auch das ist evident, gehört diese Art von Führung zu den schnellsten Wegen, eine Organisation zugrunde zu richten: Der Krankenstand steigt und die wirtschaftlichen Ergebnisse gehen in den Keller. (Hier seien dem Leser nochmals die Ergebnisse des Forums Leadership & Health am Wolfsberg im Band Unternehmensressource Gesundheit ans Herz gelegt)
Als ich diesen Beitrag gelesen habe, kamen mir die Bilder vom Rande vieler CeBITs hoch: Graugesichtige Manager, die gerade ihre “Performance” Gespräche hatten; Manager die sich am Bahnhof schnell vor Messebeginn noch einen kompletten Flachmann reinziehen; der Frust der in der Münchner Halle und einschlägigen Etablissements (nicht umsonst werden zu Messezeiten Prostituierte aus ganz Europa nach Hannover gekarrt) sein Ventil findet. Manager die sich in der Tretmühle längst leer gelaufen haben, aber vor sich selbst und anderen den Schein waren müssen. Das ist nicht symptomatisch für die IT-Branche oder gar die CeBIT (Im Gegenteil: Es gibt in der IT-Branche viele hervorragend geführte Unternehmen, die CAS Software AG, Partner der Karlshochschule und Arbeitgeber des Jahres, sei da als leuchtendes Beispiel genannt), aber es ist symptomatisch für einige – zumeist amerikanisch “geführte” – Unternehmen.
Fredmund Malik fordert in Anlehnung an den Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek (1899-1992) drei zentrale Prinzipen:
Die Kollegen von Förster & Kreuz sitzen an dieser Stelle einem naiv-mechanistischen Weltbild in der Tradition eines Frederik Winslow Taylor (1856-1915) auf: Der Mensch als Teil der Maschine Unternehmung, das ausgetauscht werden muss, wenn es nicht mehr funktioniert.
Ganz ehrlich gesagt, hält sich mein Respekt für amerikanische Leasing-Manager, die dank dicker Aktienoptionen mit Netz und doppeltem Boden sowie einem Binnenmarkt von 308 Mio. Einwohnern und Finanzierungsinstrumenten, von denen die meisten europäischen Unternehmen nur träumen können, schnell eine dicke Lippe riskieren können, in Grenzen. Wirklich Respekt habe ich vor dem Zahnarzt, dem Döner-Buden Besitzer oder dem Handwerksmeister, die trotz irrsinniger deutscher Bürokratie, sich vornehm zurückhaltenden Bänkern und eines undurchschaubaren paranoiden Steuersystems sich bis über beide Ohren verschulden, um ihrem Traum von Selbständigkeit zu verwirklichen und Arbeitsplätze zu schaffen.
Erfolgreiche und leistungsstarke Mitarbeiter – das gilt auch für Studierende
- erhält man in der Regel dann, wenn man die Ressource Fairness gegen die Ressource Leidenschaft tauscht. Ich bin mir absolut sicher, dass wir (nicht nur) in unserem Studiengang Leadership die besseren Manager hervorbringen.
[1] Malik, F. (2001); Führen, Leisten, Leben 12.Aufl.: München 2001 (Heyne) nach: Hayek, F. A. (1971); Die Verfassung der Freiheit; Tübingen 1971
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