“Wenn man die Geschwindigkeit in dem System erhöht, zerstört man die Strukturen”
Autor: Patrick Breitenbach am 16.02.2010Momentan beschäftige ich mit dem Thema Beschleunigung und mangelnde Tiefe. In diesem Zusammenhang bin ich auf ein extrem interessantes Interview mit dem Verkehrsplaner an der TU Wien Prof. Dr. Hermann Knoflacher im Deutschlandradio gestoßen:
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Er sieht in der Erhöhung der Geschwindigkeit innerhalb von Systemen eine einhergehende Zerstörung der vielfältigen Strukturen. Das heisst Städte und ihre kleinen Läden und kulturellen Begegnungsstätten wurden durch den Ausbau und die Förderung des PKW langsam aber kontinuierlich ausgetrocknet. Wir sind physiologisch extrem mobil, verpassen aber dabei die mögliche Vielfalt und Lebensqualität ohne die PS-Hobel:
Wir haben Hunderte PS in den Beinen, aber natürlich ist im Kopf nichts Adäquates dazugewachsen. Und wenn diese PS aus den Beinen verschwinden, dann wird man klügere Städte bauen müssen, man wird die Wirtschaft umorganisieren müssen.
Die Wirtschaft ist immer dümmer geworden, in Deutschland lässt sich das sehr gut analysieren. Es müssen heute viel mehr Kilometer zurückgelegt werden, um einen Euro zu verdienen, als etwa vor 50 Jahren. Also die geistige Mobilität ist sicher die Zukunft, und zur geistigen Mobilität gehören einfach die Beine auch dazu.
Damit haut Knoflacher genau in die Kerbe der momentanen Gegentrends unter den Stichworten “Nachhaltigkeit”, LOHAS und “Entschleunigung”. Weg von der kurzfristig billigen Massenproduktion, weg von der Verschwendung von Ressourcen und hin zum Wiederaufbau der regionalen Wirtschaftsstrukturen. Der Trend, den man im Internet schon ansatzweise beobachten konnte (der Konsument wird zum Prosument), soll sich auch auf das reale wirtschaftliche Offline-Leben übertragen.
Scharfsinnig finde ich Konflachers Ansichten zum Belohnungssystem Auto -> Mensch. Er sieht gerade in der veralteten Förderung der PKWs die Wurzel der (Fehl-)Entwicklung, setzt aber – im Gegenzug zu radikalen Aktivisten – auf die Grundeigenschaften der Menschen, in diesem Fall die Bequemlichkeit:
Auf das Auto kann man weitgehend verzichten, man muss allerdings Strukturen bauen – nicht, um das Auto zu verbieten, sondern damit die Leute von selbst auf das Auto verzichten. Wir haben ja heute Strukturen gebaut oder finden sie vor, die auf die Reichsgaragenordnung zurückgehen, die die Menschen zum Autofahren nahezu zwingen aufgrund ihrer physiologischen Ausstattung.
Wenn man diese Situation ändert und der Parkplatz weiter entfernt ist als die Haltestelle des öffentlichen Verkehrs am Quellort, wo man weggeht, und am Zielort, dann verzichten die Menschen von selbst auf das Auto. Wien ist schon gar so weit.
Insgesamt ein sehr spannendes Thema und es zeigt sehr deutlich, dass man in Zukunft ohne systemisches Denken die Probleme der Gegenwart und Zukunft nicht adäquat lösen wird.
Weiteres Interview mit Knoflacher dazu: “Das Auto macht uns total verrückt”
Auf das Thema wurde ich aufmerksam durch den Blogeintrag auf Gemeingüter.
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