Begünstigt “Fast Social Media” Vorurteile? Die Zappa-Metapher

Schnell, schnell, schnell. Kein Medium wird derzeit so in Verbindung mit der Schnelligkeit und Kürze gebracht wie das Internet. 140 Zeichen Tweets hier, ein schneller Share-Link auf Facebook da und wehe ein Videoschnipsel ist länger als 30-Sekunden. Lange Texte? Tabu! Wozu? Wir brauchen schnelle Nahrung. Fast Food fürs Hin, schnell rein und schnell wieder raus, dazwischen ein Retweet oder besser noch RT! Klickstrecken kontra Bildbänden kontra Kopfkino.

Sehr schnell gerät man in diesen Strudel ohne es überhaupt zu merken. Die News sind wichtiger, die Schlagzeilen, Headlines, Links ein 140 Zeichen bzw. lieber noch kürzer, weil ja noch Platz sein muss für den RT!

Wirklich erschreckend ist aber, dass man in all dem schnellen “Newsbrei” gar keine Lust oder Zeit mehr hat (das ist das absurde daran, denn schließlich will man Zeit sparen) wirklich tiefer zu gehen, also bestimmte Hintergründe und Zusammenhänge zu erfahren, ein Thema mal aus ganz verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, um somit am Ende etwas viel größeres bewundern zu können, als es vielleicht noch vor der “Bewusstseinserweiterung” durch die intensive Beschäftigung mit einer Thematik der Fall war.

Mir ist das neulich am eigenen Leib wiederfahren. Auf den ersten Blick ein banales, teilweise für wenige Menschen nachvollziehendes Beispeil, das ich aber dennoch ganz passend finde: Ich habe kürzlich Frank Zappa für mich entdeckt und bin nach und nach in seine Werke versunken. Manche werden nun vielleicht sagen: Klar, kenne ich, der hat doch diesen One-Hit-Wonder-Ohrwurm “Bobby Brown” gesungen (ich möchte zu gerne mal wissen wieviele Menschen in Deutschland wirklich gewusst haben, was da im Song eigentlich für eine Geschichte erzählt wird). Andere wiederum werden Frank Zappa bzw. seine restliche Musik als abgedrehten Free-Jazz oder einfach nur unerträglichen Krach bezeichnen. Zum Beispiel wenn man eines seiner Werke Blackpage #2 anhört:

Auch ich habe natürlich dort angefangen. Für mich war Zappa natürlich gleich Bobby Brown und alle anderen Stücke einfach nicht richtig zugänglich. Die Mainstream-Mucke ist schließlich wesentlich verträglicher. Dann habe ich mich aber nach und nach reingehört – mich sozusagen trainiert. Gleichzeitig habe ich damit begonnen mich für die Person Frank Zappa zu interessieren. Ich habe seine Biografie verfolgt, Fernsehinterviews angeschaut und einfach jede Menge über ihn und seine Werke gelesen. Das hat meine Neugier bestärkt und mich zum weiterforschen animiert. Zappa war ein Workaholic und besessener Musiker, der sich gleichzeitig aber auch in der Rolle des Clowns befand. Er war extrem gegen Drogen (außer Kaffee und Zigaretten, seine selbsternannten Lebensmittel) – aber dabei eben nicht einfach nur platt und war gleichzeitig eine Art Gallionsfigur der damaligen Flower-Power-Bewegung (die er in seinen damaligen Songs aber auch gnadenlos auf die Schippe nahm. Siehe Album “We’re only in it for the money“). Gleichzeitig war Zappa ein begnadeter Geschäftsmann, revoltierte aber immer wieder gegen die damalige Musikindustrie, gründete seine eigene Produktionsfirma und trat immer wieder als extremer Gegner der großen Labels auf. Er setzte sich ein für die künstlerische Freiheit in der Musik und trat gegen die erzkonservativen Moral-Hardliner der Reagan-Administration an, bezeichnete sich aber selbst in vielen Dingen als extremer Konservativer. Er verlangte extrem viel von seinen Musikern und vertrat zum Teil patriarchische Züge. Wer mit Drogen erwischt wurde, flog raus, nichts war ihm wichtiger als Perfektion in der Musik.

Und so weiter und so weiter. Zappa beiseite, das extrem faszinierende für mich, auf der Meta-Ebene, ist: Das Hintergrundwissen (die Bildung) ist entscheidend für unsere Urteilsbildung. So entstehen die klassischen Vorurteile. Dieses oben von mir präsentierte Zappa-Stück ist keineswegs irgendeine wild improvisierte Jazz-Nummer oder einfach nur wild durcheinander gespielter Lärm. Es steckt eine Story dahinter und die Musiker spielen “den Song” 1:1 vom Notenblatt. Zappa hatte diesen Song bewusst komponiert und vor allem arrangiert. Sein Dirigieren wirkt vielleicht wie eine Showeinlage, es ist aber tatsächlich echt. Der Song wurde ursprünglich auch als Drumsolo angelegt, erst später kam die Melodie dazu. Wenn man noch tiefer gehen würde, entdeckt man umso mehr faszinierende Details und plötzlich weiß man so ein musikalisches Werk zu schätzen, ganz einfach weil Substanz dahinter steckt, aber vor allem entdeckt werden kann. Für viele sicher unbegreiflich, klar, aber genau an diesen Punkten entsteht das echte Fan-Dasein. Der Fan erkennt plötzlich, dass mehr dahinter steckt, als man so an der Oberfläche bisher wahrgenommen hat. Der Fan gräbt sich tiefer in die Materie, will alles wissen und haben. Der Fan erkennt den Wert und schreibt den Wert zu. Eine Überlegung, die sich einige Unternehmen für die Zukunft zu Herzen nehmen könnten. Nicht die Masse bringt unweigerlich den Erfolg, es ist der Wert der Einzelnen, der Wert der Tiefe, des Netzwerks.

Frank Zappa und meine kürzlich entdeckte Tiefe zu ihm ist nur ein Beispiel von vielen, aber es soll auch stellvertretend andeuten, dass das Internet eben sehr viel mehr ist als die oben von mir beschriebene “Shortcomworld”. Erst das Netz, die Verflechtung von Informationssträngen, die Möglichkeit zur Vertiefung von Themen auf multimedialer Ebene, hat es mir ermöglicht den Komponisten Frank Zappa überhaupt in der Art und Geschwindigkeit zu erschließen. Stück für Stück, Text für Text, Video für Video, Story für Story.

DAS ist für mich das wirklich spannende am Netz! Alles andere ist Kirmes.

Das Thema werde ich übrigens in Kürze mit Dr. Benedikt Köhler (ein Verfasser des Slow Media Manifests), J. Martin und Roland Kühl-v.Puttkamer (beide werbeblogger.de) in einem Podcast vertiefen. Ich freue mich schon drauf, denn es ist endlich mal ein lohnendes Gegenmodell zu all dem getretenen Social-Media-Quark, der breiter einfach nicht stärker wird.

5 comments Write a comment

  1. Prof. Dr. Andreas P. Müller

    Frank Zappa lives, lieber Patrick, seine Statue steht in Litauen. Hab ihn dreimal live gesehen, die LP-Sammlung steht in meinem Keller, Live in New York, wie oft gehört, das Album, 200 Motels, nach dem Abi, unvergessen, hab heute nicht mal mehr den Plattenspieler, steht auf dem Sperrmuell, ein Stück Identität. Sind 140 Zeichen als Trigger so viel wie ein Live-Concert oder ein Mothers’s in Bondage in einer Rock-Disco, in der Du eine peer-group suchst, als Jugendlicher? Ist mediale Erfahrung auch über sekundäre Kanäle echt? Bin gern dabei in Eurer Diskussion. LG

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