Die Mediziner haben ihn längst, den moralisch-ethischen Eid des Hippokrates, auch wenn er heute nicht mehr aktiv abgelegt oder gar rechtsverbindliche Wirksamkeit hat. Dennoch haben diese Leitsätze der ärztlichen Ethik die gesamte medizinisch-wissenschaftliche Welt extrem geprägt und diverse ethische Standards vorgegeben. Eine solche moralische Verpflichtung existierte – bis vor kurzem – für die Betriebswirtschaft natürlich nicht im mindesten. Die Finanz- und Bankenkrise zeigte einmal mehr, dass die Gier nach Profit stärker ist als jede Vernunft oder gar eine mögliche moralische Verantwortung de gesamten Gesellschaft gegenüber, oder wie es ein Harvard Business School Dozent in seinen Vorlesungen formuliert hat:
Wall-Street-Händler sind wie Raubtiere. Wirft man ihnen Fleisch vor, stürzen sie sich darauf.
Doch genau diese Aussage machte einige Studierende stutzig und es regte sich Widerstand in den Reihen der Karrieristen von morgen. Der HBS-Absolvent, Peter Escher, initiierte gemeinsam mit Studienkollegen eine Non-Profit-Organisation mit Namen “MBA-Oath”, also übersetzt den MBA-Schwur. Darin fordert er und seine Mitstreiter, als Klub der Harvard Business School, eine moralisch-ethische Verpflichtung von Managern im Stile des Hippokratischen Eides:
Therefore I promise:
I will act with utmost integrity and pursue my work in an ethical manner.
I will safeguard the interests of my shareholders, co-workers, customers and the society in which we operate.
I will manage my enterprise in good faith, guarding against decisions and behavior that advance my own narrow ambitions but harm the enterprise and the societies it serves.
I will understand and uphold, both in letter and in spirit, the laws and contracts governing my own conduct and that of my enterprise.
I will take responsibility for my actions, and I will represent the performance and risks of my enterprise accurately and honestly.
I will develop both myself and other managers under my supervision so that the profession continues to grow and contribute to the well-being of society.
I will strive to create sustainable economic, social, and environmental prosperity worldwide.
I will be accountable to my peers and they will be accountable to me for living by this oath.
This oath I make freely, and upon my honor.
Die Forderung zeigte Wirkung, denn plötzlich wurden in den Kursen auch Fallstudien bearbeitet, die sich mit den Themen “Business Ethics” tiefgreifender auseinandersetzen, sogar der Kurs “Moral Leader” erfreute sich steigender Beliebtheit bei den Studierenden. Inwieweit diese moralische Neuorientierung auch in der Praxis Früchte trägt bleibt offen, denn sobald der erste Gehaltscheck lockt, steht die gute alte Versuchung Geld wieder Gewehr bei Fuß. Doch auch wenn manche zukünftigen Manager diesen moralischen Codex nur als geschickten kommunikativen Schachzug begreifen, so ist er dennoch in seiner Gesamtheit extrem wichtig. Er dient nämlich überhaupt als Legitimation, damit die Pioniere der moralischen Verantwortung nicht alleine dastehen und somit eine Art Charta besitzen, an der sie ihr Handeln offiziell ausrichten können. Ein kleiner aber wichtiger Schritt, der aber erst auf lange Sicht zeigen wird, ob es sich hierbei bloß um ein Lippenbekenntnis oder um einen echten Anstoß zur nachhaltigen Veränderungen der Wirtschaftswissenschaften handelt.
In unseren Managementmodulen (in allen unseren Studiengngen) ist der Bereich “Business Ethics and Corporate Social Responsibility” jedenfalls schon länger fest verankert und ich gehe davon aus, dass dieses Thema von unseren Professoren nicht bloß als kommunikative Finte behandelt wird.
Hallo Patrick, gerade in unserem Masterstudiengang Leadership spielt die Reflexion ethischer Fragestellungen eine zentrale Rolle. Aber nicht nur dort. Viele Studierende sind zum Beispiel über SIFE – Students in Free Enterprise sozial engagiert.
Nicht von ungefähr legt der Großteil der Studierenden (vor allem im Master) extrem viel Wert darauf, später eine ethisch anspruchsvolle berufliche Aufgabe zu übernehmen. Allein schon aus Ressourcengesichtspunkten (”War for talents”) müssen sich Unternehmen, so wie ich das beobachte, zukünftig genau überlegen, ob Lippenbekenntnisse ausreichen. oder ob sie ihren Mitarbeitern einem SINN-vollen Rahmen für Beschäftigung schaffen. Gerade die höher qualifizierten unter den künftigen Mitarbeitern achten sehr wohl darauf, ob das von Ihnen mit erwirtschaftete Geld ins Börsenmonopoly oder, z. B. über Stiftungen, wieder zurück in die Gesellschaft fließt.
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Patrick Breitenbach, Karlshochschule, Karlshochschule, Lutz Becker, Lutz Becker und anderen erwähnt. Lutz Becker sagte: Zu: http://tinyurl.com/master-leadership MBA-Eid: Lippenbekenntnis oder Paradigmenwechsel? http://bit.ly/5lW2Tg /via @karlshochschule [...]
Demgegenüber mag man Äußerungen von Studierenden – der Betriebswirtschaftslehre noch dazu! – als erstaunlich werten, die auf die Frage, inwiefern ein Betriebswirt gerade dadurch seine berufliche Leistung verbessern könne, „wenn er die Praxis der Wirtschaft und den Horizont des ökonomischen Denkens in Richtung Ethik übersteigt“, beispielsweise mit dem Hinweis beantworten, dass er „mutig sein muss, wenn er sich auf die Ethik einlässt, weil es einfacher für ihn wäre, weiter in seinem ökonomischen Denken zu verbleiben. Vielleicht wird der Gewinn seiner unternehmerischen Tätigkeit zunächst geschmälert: Aber ethisches Handeln zahlt sich langfristig aus: im Umgang mit den Mitarbeitern, der Umwelt und den Menschen, zu denen er in Kontakt steht.“
Diese Art von vielleicht anrührend naiver Erwartung wird freilich in Erfahrungsberichten von Lehrenden ein wenig zurechtgerückt, wenn etwa über den Verlauf von Ethikprogrammen in der Ausbildung konstatiert wird, dass sehr zur Enttäuschung der Programmverantwortlichen „einzig und allein ein Beitrag zum Umgang mit Geld und Zinsen, der mit der üblichen unternehmerischen Verpflichtung nach maximalen Gewinn bei minimalen Aufwand schwer ins Gericht ging, ungeteilte Zustimmung (fand). Hier machten die Studenten sozusagen einen wirtschaftlichen Kopfstand, und das mit Bravour, ohne sich freilich von der Stelle bewegen zu können, denn Wirtschaft wird zunächst immer noch am Erwirtschaften festhalten wollen.“
Zitiert nach: F. Paul Pavelka, Wirtschaftsethik als Entlastung und Irritation, Zur gesellschaftlichen Funktion wirtschaftsethischer Appelle, in: Sesselmeier, W./Schulz-Nieswandt, F. (Hg.): Konstruktion von Sozialpolitik im Wandel, Implizite normative Elemente, Duncker&Humblot, Berlin, 2008, S. 231-242
Dazu fällt mir die Geschichte des ehrbaren Kaufmanns an, der zu seinem Schöpfer berufen wird. Am Einlass zur Himmelspforte kommt es zu folgendem Dialog. “Siehe Herr, meine Hände sind rein.” “Aber sie leer, mein Sohn…” Natürlich könnte es sein, dass wir n der Karlshochschule aufgrund unserer Inhalte und unseres Auswahlverfahrens in einem ethischen Biotop leben (zumindest tendenziell). Wir bieten ja bekanntlich auch keine Crashkurse (wie passend!) zum Finanzjongleur an – das überlassen wir anderen.
Auf der anderen Seite erlebe ich immer wieder Unternehmen, die ethisch anspruchsvolles Handeln mit großem wirtschaftlichem Erfolg verbinden. Ich spreche nicht nur von Gepa. Wormland und Walbusch machen es im Textilmarkt vor – zwei Unternehmen, die über Stiftungen einen Teil ihrer Erträge in das soziale System, in die Altenhilfe oder die Kunst, zurückfließen lassen. Übrigens auch eine Form von “Vergesellschaftung”. Auch wenn nicht immer alles Gold ist was glänzt, empfehle ich auch einmal, die Entwicklung der Marktanteile von DM mit Schlecker zu vergleichen. Persönlich erlebe ich immer mehr Konsumenten, darunter auch und gerade Studierende, die sich bei ihren Konsumentscheidungen von ethischen Gesichtspunkten leiten lassen – nicht weil es bessere Menschen sind, sondern weil sie der ewigen Externalisierung der Folgen unternehmerischen Handels einfach die Nase voll haben.