Zahlen lügen doch
Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 11.01.2010“Numbers don’t’ lie, Lutz.” pflegte unser früherer CFO (Chef Financial Officer) zu sagen. Meine Antwort kam postwendend: “Oh yes, Jon, numbers DO lie.”
Ein Beispiel, wie sinnleer Zahlen sein können, erlebte ich bei einer Sitzung, bei der es um die Softwarestrategie eines Unternehmens ging. Präsentiert wurden die “Marktanteile” im Browsermarkt. Nicht nur, dass es genau die Zahlen waren, die der Marktführer regelmässig zu präsentieren pflegt. Nein, es wurde noch nicht einmal gesagt, was hier Marktanteil eigentlich bedeutet. War hier die “Installed Base” gemeint? D. h. alle Rechner, auf denen der jeweilige Browser installiert ist oder war, einschließlich der Uralt-Rechner, die irgendwo unter dem Schreibtisch oder in Maschinenschränken verrotten? Sind es die Marktanteile im laufenden Jahr oder zum Stichtag? In Stück oder monetär?
Kommt es nicht überhaupt auf die Fragestellung an, die man damit verbindet? Wenn ich, sagen wir mal, eine Social Media Applikation entwickeln will, interessiert mich da die installierte Basis oder der Umsatzanteil? Ist es da nicht viel wichtiger wie viele Page-Views mit dem jeweiligen Browser produziert werden, wo als die aktiven Nutzer sitzen? Oder, in Zeiten des Web 2.0, die Frage, wie viel Content auf dem jeweiligen Browser produziert wird?
Man sieht, es ist gefährlich, Zahlen ungefragt anzunehmen. Zahlen sind eine Herrschaftstechnik – ein Instrument, Macht über andere auszuüben. Was oder besser wer ist der Quelle? Was sind seine Weltvorstellungen und Motive? Was ist seine (geheime) Agenda, was will er also unterm Strich erreichen? Es kommt in der Regel gar nicht auf die Zahlen selbst an, sondern darauf, wer die Interpretationshoheit gewinnt, und wie derjenige die Zahlen nutzt, um seine Interessen durchzusetzen. Das betrifft Marktanteile genau so, wie Budgets oder Gewinn- und Verlustrechnungen.
Übrigens: In unserem Masterprogramm Leadership, lernt man, solche Dinge zu erkennen und zu hinterfragen!
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