Thinking. Doing. Und andere für mich neue Welten

Autor: Patrick Breitenbach am 1.12.2009

Eine der einprägsamsten Erfahrungen, die ich in meinem Job an dieser Hochschule bisher machen durfte, war der Schwenk vom “thinking” zum “doing”. Vor diesem Job hatte ich die bequeme Rolle eines Beraters. Diese Position, zumal wenn man auf freiberuflicher Basis arbeitet, ermöglicht einem großartige Freiheiten im Denken und Sprechen. Man ist saumäßig innovativ, weiss einfach alles besser, kann bequem andere kritisieren und etliche Ideen rumspinnen, ohne sich dabei um so lästige Themen wie die anschließende Umsetzung zu kümmern oder wen man nun mit seinen Äußerungen an den Kopf gestoßen haben könnte. No politics! So jedenfalls war meine Devise als Berater. Geradeaus, hart aber fair und einige Kunden wussten das sicher zu schätzen, wobei ich ja einst schon schrieb, dass wirklich erfolgreiche Berater ja nur das beraten, was der Auftraggeber hören will.

Seit ich an dieser Hochschule quasi auf die grüne Wiese gesetzt wurde, bin ich von der ersten Sekunde an zum “machen” gezwungen worden, worüber ich sehr glücklich bin, aber es bringt auch einen enormen und einschneidenden Perspektiven- und dadurch auch einen leichten Persönlichkeitswechsel mit sich. Zuallererst lernt man Ideen auf ihre Umsetzung hin zu überprüfen, doch nicht nur das, man ist auch direkt eingespannt die Umsetzung mit zu vollziehen. Das ist vor allem dann ziemlich schwer, wenn die Idee nicht unbedingt auf eigenem Mist gewachsen ist und es so an der nötigen eigenen Überzeugung mangelt. Dazu kommt eben, dass man nicht einfach als einzelkämpferischer Freelancer vorgehen und seine Ansätze übers Knie brechen kann, sondern dass man plötzlich Verantwortung trägt für ganz viele Köpfe und Macher. Man lernt plötzlich die politischen Aspekte in dieser Rolle kennen und vor allem schätzen, denn alleine geht man immer unter.

Es ist nun nicht mehr nur die Aufgabe außergewöhnliche Ideen zu entwickeln, sondern man ist vielmehr damit beschäftigt, die Menschen um einen herum dazu zu motivieren, diese Ideen mitzuentwickeln und dann gemeinsam in die Tat umzusetzen. Wer sich mit Kommunikation beschäftigt, weiß, wie anstrengend und höchst komplex es ist, überhaupt erstmal bei einer Thematik auf einen Verständnislevel zu kommen. So viele verschiedene Lebenswelten, Backgrounds, Motivationen, Interessen, Sprachen, Codes, Probleme und Hindernisse prallen aufeinander und man ist ständig dabei zu ackern, dass all diese Teile endlich zu einer Einheit zusammenwachsen, ohne dass sie dabei in völliger Homogenität zu transzendieren.

Führung bedeutet in dem Fall einen Schmelztiegel zu schaffen, dessen Inhalt aber nie ganz zusammenfließen darf. Konkurrenz spornt an, Gegensätze befruchten sich und Widerspruch schafft Innovation.

Das Fazit bisher ist: Die Beziehungsebene spielt eindeutig die größte Rolle. Erst wenn diese stabil ist, kann man auf einer Sachebene vernünftig diskutieren. Das bedeutet, dass man ständig daran arbeiten muss andere Menschen und ihre Arbeit wertzuschätzen ohne dass man sich dabei aber in oberflächlichen Floskeln verirrt. Wer Menschen führen will, muss Menschen wirklich mögen, mit all ihren Schwächen und Stärken, das wiederum setzt voraus, dass man sich selbst mögen muss, mit all seinen Schwächen und Stärken. Zudem muss man muss ständig in Bewegung sein, offen sein, zuhören aber auch stören und Tacheles reden – wenn es nötig ist. Und dabei natürlich nicht im “doing” untergehen und den Fokus vom drängenden Tagesgeschäft ablenken lassen.

Es ist irgendwie wie Jazz. Furchtbar anstrengend aber auch furchtbar genial, aber vor allem immer anders.

PS: Ich überlege gerade ob ich meine derzeitigen Erfahrungen in Zukunft in einem gesonderten Blog beispielsweise auf hochschulmarketingblog.de dokumentiere. Jedenfalls solange mir das “doing” nicht die Zeit dazu nimmt.



  • Solche Perspektivenwechsel sind spannend. Ich habe so etwas mehrfach durchgemacht. Ich erinnere mich noch gut, dass ich zu meinem damaligen Vertriebsleiter sagte "Als Berater schlage ich jetzt die Hände über dem Kopf zusammen, als Geschäftsführer kann ich aber nicht anders..."
  • Oliver
    Berater / Unternehmer
    Agentur / Marketingabteilung
    Designer / Reinzeichner
    Künstler / Designer

    Ich glaube man kann solche Beispiele unendlich fortführen und doch geht es immer um das Gleiche: unterschiedliche Sichtweisen. Extremes "Thinking" führt schnell zu Realitätsverlust (was nicht zwingend negativ sein muss) und extremes "Doing" zu einer Art Betriebsblindheit.
    Im Idealfall schafft man es irgendwie, das "Thinking" trotz "Doing" nicht zu verlernen und andersherum. Wenn man in der Mitte steht ist der Horizont am größten ... meine Güte, der Satz kann sich ja fast mit deiner Jazz Metapher messen :-)
  • Schöne Einsichten, Pedde. Daher zähle ich mich auch eher zu den "moderateren" Bloggern, denn nicht nur aus meiner praktischen Arbeitswelt außerhalb des Werbebloggers und umgedrehter Rolle weiß ich, dass Berater nur eine eingeschränkte, wenn auch gelegentlich eine durchaus wichtige Sichtweise einnehmen können. ("Gegensätze befruchten sich und Widerspruch schafft Innovation.")
    Ich denke, es ist die Vielfalt von Tätigkeiten, Rollen und Aufgaben, die den Horizont erweitert. Reines Bloggen war und wäre mir definitiv auch etwas zu wenig :-).
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