Zukunft 2020 und danach

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 21.11.2009

Zukunft existiert im Hier und Jetzt noch nicht, deshalb kann man sie auch nicht in der Glaskugel betrachten. Dennoch beschäftigen wir uns in “Change and Innovation“, einem der zentralen Module im 5. Semester unserer Bachelorprogramme intensiv mit der Frage von Zukunft, oder genauer gesagt: von Zukünften.

Mit Zukunft ist das so eine Sache. So mancher Kollege aus unserer Ökonomenzunft versucht sich in geradezu byzantinischer Einfalt (oder die der Auftraggeber) an Prognosen, in dem man Entwicklungen der Vergangenheit (wie sprechen von ex-post Betrachtungen) sorgfältig in komplexen Algorithmen verpackt auf die Zukunft projiziert. Dabei wird mit schöner Regelmäßigkeit der “Eigen-Sinn” der handelnden Akteure außen vor gelassen. So etwa die unterschiedlichen Konstruktionen von Wirklichkeit der handelnden Agenten oder die Irrationalität der Akteure im Bankensektor. Ökonomen nennen so etwas dann “ceteris paribus” Klausel: Das intellektuell geschickt verpackte Eingeständnis, dass man mit Komplexität nicht wirklich umgehen kann oder will. Wenn man sich Heinz von Foersters “Nicht-trivale Maschine” vor Augen führt, wird man die Grenzen solcher Methoden schon im Ansatz erkennen. Dennoch haben solche Ansätze, wie etwa auch die Astrologie, durchaus einen gewissen Sinn: Es ist nämlich gut, dass man darüber sprechen kann!

Nichtsdestotrotz liegt unsere Zukunft gar nicht so weit im Dunkeln, wie es hier den Anschein hat. Bestimmte Entwicklungen, wie etwa Konsequenzen rückläufiger Geburtenzahlen und höherer Lebenserwartung, die sich in der so genannten Alterspyramide, die ja längst ein Alterszäpfchen ist, niederschlägt, lassen sich antizipieren. Auch die globale Erwärmung lässt sich nicht wegdiskutieren, so dass bestimmte “Zukünfte” immerhin ausgeschlossen werden können (weil wir bei diesen Beispielen das Rad nicht zurückdrehen können). Auch lassen sich natürlich bestimmte technische Entwicklungspfade voraussehen, wenn man die Augen offen hält. Bei sozialen Verschiebungen wird das aber mit den herkömmlichen Methoden schon schwierig bis unmöglich. (Neue Ansätze wird da allerdings das Forschungsprojekt “Narrative & Innovation” an der Karlshochschule liefern)

Unabhängig dessen sind wir immer wieder gezwungen, über Zukünfte nachzudenken, und uns für bestimmte Zukünfte zu entscheiden – ansonsten könnten wir zum Beispiel keine Investitionsentscheidungen mehr treffen oder uns für ein bestimmtes Studium entscheiden. Wenn ich heute eine Fabrikanlage oder ein Kraftwerk baue, habe ich vielleicht 5 oder 10 Jahre Planungszeit und dann muss die Anlage noch 5, 10 Jahre oder vielleicht länger laufen, um sich wirklich zu amortisieren. Bei diesen Gedanken kommen wir mit spannenden philosophischen Fragestellungen in Berührung, etwa Pfadabhängig oder Kontingenz, die Niklas Luhmann einmal wie folgt charakterisierte: „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist, noch unmöglich ist; was also so wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“ Stark vereinfacht gesagt, gestalte ich Zukunft bis zu einem gewissen Grade dadurch, dass ich mich in einer kontingenten Situation für den einen oder anderen Weg entscheide. Dabei spielen möglicherweise positive Feedbackschleifen eine Rolle, aber auch die Tatsache, dass ich mir andere Wege damit verschließe. Wenn sich zum Beispiel ein Abiturient für ein bestimmtes Studium entscheidet, entscheidet er sich auch für eine bestimmte Zukunft und verschließt sich andere Zukünfte. Unternehmungen geht es da mit ihren Strategien nicht anders. Deshalb ist man immer wieder gezwungen über Zukünfte nachzudenken und sich auf diese einzustellen, obwohl man sich ziemlich sicher sein kann, dass diese Zukünfte nicht so eintreffen, wie wir man sie sich vorstellt. Einer meiner akademischen Lehrer, Ekkehard Kappler, hat es mal so formuliert: “Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum.

Irritierend ist für mich immer wieder, dass sich Studierende zunächst sehr schwer damit tun, in Zukunftsentwürfen zu denken. Das betrifft die eigene Lebensplanung genauso, wie gesellschaftlich-ökonomische Entwicklungen. Vielleicht können da die Werke von Science Fiction Autoren – ich empfehle da zum Beispiel Andreas Eschbach (“Der letzte seiner Art”) oder Frank Schätzing – sowie die einschlägigen Arbeiten von Zukunftsforschern, wie John Naisbitt oder Matthias Horx, die Phantasien beflügeln.

Janszky CoverEin ganz besonderes Werk habe ich gerade beim Buchhändler meines Vertrauens gekauft. Es ist von einem unserer Lehrbeauftragten im Masterprogramm “Leadership” an der Karlshochschule – laut Klappentext “Deutschlands innovativster Trendforscher”. Sven Gábor Jánszky, Initiator des forward2business ThinkTanks hat ein Buch geschrieben, das sich wohltuend aus dem Trendforschungseinerlei heraushebt.

Jánszky erweist sich als starker “Storyteller”. Allein schon der Prolog des Bandes “2020 – So leben wir in Zukunft” ist ein emotional mächtiges Gedankenspiel mit dem, was Pfadabhängigkeit bedeuten kann. Es macht Spaß, Peter Seedorf, dem Protagonisten des Buches, durch einen Tag des Jahres 2020 zu folgen. Ein Tag, in den Jánszky seine Zukunftsentwürfe – und die unterschiedlichster Experten – hineingearbeitet hat. Man muss die Zukunftsentwürfe und Strategieempfehlungen nicht immer für bare Münze nehmen, aber dennoch sollte man sich Zeit nehmen, sich einmal mit Hilfe dieser Lektüre auszumalen, wie im Jahr 2020 der Badezimmerspiegel, der Arbeitsplatz oder die eigenen Patchworkidentität aussehen werden. Die Erkenntnisse werden auf jeden Fall überraschend und stimulierend sein.

Sven Gábor Jánszky (2009): 2020 – So leben wir in Zukunft; Wien (Goldegg Verlag)

Konferenz Narratiev and Innovation

Weiterführende Literatur zum Thema:

Lutz Becker/Andreas P. Müller (2009); Früherkennung durch Narrative. In: Gundlach, Carsten/Glanz, A./Gutsche, J. (Hg.) (2009): Vorstufen im Innovationsprozess, Düsseldorf (Symposion), NN (Arbeitstitel, erscheint voraussichtlich Ende 2009)

Lutz Becker/Johannes Ehrhardt/Walter Gora (Hg.) (2008); Führung, Wandel und Innovation – Wie Sie Potenzial entdecken und erfolgreich umsetzen; Düsseldorf (Symposion)

Links:

Forward2Business Stipendium
http://forschung.karlshochschule.de
http://narrative-innovation.org
Zukunftsforum Bergischer ThinkTank am 02.12.2009




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  • http://www.karlshochschule.de Patrick Breitenbach

    Angesichts der Tatsache, dass beispielsweise fast 40% der Weltbevölkerung keine Toiletten haben und Millionen jährlich an Durchfallerkrankungen sterben, ist für mich ein Ziel der Zukunft die fortschrittliche und humane Gegenwart in allen Teilen der Welt zu etablieren.

  • http://www.karlshochschule.de Prof. Dr. Lutz Becker

    Ja, es gibt ohne Zweifel noch brutal viele Herausforderungen für die Menschheit. Aufgrund der Komplexität und Dynamik unserer Welt werden uns Einzellösungen und Tellerranddenken nicht viel weiter bringen. Klimaerwärmung und Hunger hängen zum Beispiel genau so zusammen, wie unsere Art des Konsums und Hunger. Auch verfehlte – oft macht- und interessengeleitete Entwicklungspolitik – kann mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Und wenn man Schätzungen Glauben schenkt, dass unser Planet knapp 9 Mrd. Menschen verkraften kann, haben wir nicht mehr viel Spielraum. Unser traditionell lineares Technikdenken wird uns an der Stelle nicht viel weiter bringen. Wir müssen die komplexen sozialen Bedingungen ändern – und das in einer Welt voller Terror- und Ausbeuterregime, Konsumhedonisten und religiösen Fanatikern, die kaum ein Interesse daran haben werden, wirklich etwas hin zum Besseren zu bewegen. Dann bleibt uns doch nicht mehr übrig, als wenigstens zuerst mal kleine Lösungen zu suchen. Wir stecken also mitten in einem Dilemma. Um da überhaupt etwas erreichen zu können, müssen wir uns auch über unsere eigene Zukunft Gedanken zu machen. Vernünftig ändern kann man die Dinge nur aus einer Situation der (wirtschaftlichen) Stärke heraus.

  • http://www.karlshochschule.de Prof. Dr. Lutz Becker

    Dank http://twitter.com/nielsbenson habe ich noch folgendes entdeckt. Sehenswert!

    http://www.youtube.com/watch?v=arD374MFk4w

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