Kultiviert streiten

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 2.11.2009

Dass Erkenntnisse nicht immer als Traktat, Essay oder Studie zu Papier gebracht werden müssen, beweisen schon Sokrates oder Platon. Auch Heinz von Foerster war alles andere als ein Vielschreiber. Dennoch hat die Welt der Wissenschaft wie nur wenige seiner Zeitgenossen bewegt.

Wenn ich gefragt werde, was denn den Reiz des Schreibens ausmacht, antworte ich meist, dass es der Eros des Buches, der Kick des frisch Gedruckten, ist. Es ist schon ein ausgesprochen gutes Gefühl, wenn ein neue Buch frisch aus der Druckerei kommt. Das haptische Erleben, der Geruch, das alles belohnt für oft monatelange Beschäftigung mit dem Buch. Hirnforscher würden jetzt sagen, dass unser Belohnungszentrum in solche Fällen einen ganzen Chemiecocktail ausschüttet, um uns den Erfolg getaner Arbeit zu versüßen. Viele Studenten habe mir schon von ihren Glücksgefühlen erzählt, wenn sie zu ersten Mal die gebundene Bachelor- oder Masterarbeit in der Hand halten.

Aber das ist nicht alles. Bei den Herausgeberbänden, ist es der Reiz mit den Autoren Themen zu entwickeln, sich in andere Gedankenwelten hinein zu versetzen und last not least, diese verschiedenen Gedankenwelten in eine logische Beziehung zu setzen. Das alles hat viel mit Lernen und Persönlichkeitsentwicklung zu tun, nach jedem neuen Buch ist man, wie nach jedem großen Projekt, wieder ein etwas anderer Mensch geworden.

Ein besonderes Highlight unserer Reihe die “Neue Führungskunst – The New Art of Leadership” ist der so genannte “Disput” am Ende des Bandes. Kurz vor der Druckfreigabe, wenn das Titelbild ausgesucht, Klappentext und Vorwort geschrieben werden, diskutieren meine Mitherausgeber, die Professores Johannes Ehrhardt und Walter Gora, und ich die Erkenntnisse, die wir bei Planung und Umsetzung des Bandes und danach, gewonnen haben.

Die Figur des Dialoges ist eine alte, aber leider etwas in Vergessenheit geratene wissenschaftliche Tradition. Berühmt sind die Dialoge des Sokrates Schülers Platon (427 vor Christus in Athen geboren und dort um das Jahr 348 gestorben). Platons Lehren sind keine ausformulierten Theorien und Definitionen, Platon hat keine Essays, Studien oder Traktate veröffentlicht. Stattdessen hat er seine Lehre in Form von Dialogen, ähnlich einem Theaterstück, formuliert. Seiner Nachwelt hat er damit das Problem bereitet, dass manche Erkenntnisse zwischen den Zeilen zu suchen sind und eindeutige Begrifflichkeit im Sinne von Definitionen nicht erwartet werden dürfen. An vielen Stellen ist es nicht einmal klar ob es sich um die Gedanken Platons oder seines Lehrer Sokrates, der sich beharrlich weigerte, seine Lehren zu verschriftlichen, handelt, so zum Beispiel im Dialog “Phaidon”, der letzten Stunden des Sokrates vor der Gabe des Giftbechers erzählt.

Eine besondere Form des Dialoges, das Streitgespräch, ist seit Platons Zeiten bis ins späte Mittelalter hinein zentrales Element der wissenschaftlichen oder theologischen Terminologiebildung. Berühmt wurde etwa die Leipziger Disputation des Jahres 1519, bei der Martin Luther, Philipp Melanchton und Andreas Karlstadt auf der einen Seite und Johannes Eck auf der anderen die unterschiedlichen Lehrmeinungen zwischen Reformation und katholischer Theologie abgrenzten und dokumentierten.

So bierernst geht es in den Disputen der Neuen Führungskunst allerdings nicht zu. Wir erlauben uns, dem durchaus ernsten Stoff auch augenzwinkernde oder ironische Seiten abzugewinnen. Wenn Walter Gora etwa in dem Band “Führung, Wandel und Innovation” auf die Idee kommt, einen fiktiven Leser, sozusagen als gemeinsamen Alter Ego der Herausgeber einzuführen, nimmt der Disput gar faustische Züge an.

Im Gegensatz zu Luther’s Zeiten müssen wir auch keine weiten Reisen auf uns nehmen. Meist helfen uns Medien, wie eMail oder Skype, den Disput zu Papier zu bringen. Allerdings ist zum Beispiel der Herausgeber-Disput des Bandes Unternehmensressource Gesundheit in Gunter Frank’s Praxis am idyllischen Heidelberger Neckarufer aufgezeichnet worden. Nach getaner Arbeit konnten wir uns dafür mit einem langen indischen Abendessen belohnen.

Mit dem Disput wollen wir Herausgeber die Leserinnen und Leser animieren, die Positionen des jeweiligen Buches nochmals kritisch zu hinterfragen und sich bewusst ein eigenen Bild zu machen – zwischen den Zeilen zu lesen, und Gedanken weiterzuspinnen.

Ich persönlich finde es schade, dass der zu Papier gebrachte Disput heute in der Wissenschaft keine Rolle mehr spielt, denn oft bringen der Zusammenprall von Argumenten und das, was zwischen den Zeilen herauskommt, mehr Erkenntnisgewinn als manche sinnieere empirische Studie.




  • http://www.karlshochschule.de Patrick Breitenbach

    Viel gravierender finde ich den Mangel an Disput in unserer Gesellschaft – also alles was neben dem Papier stattfindet.

    Disput scheint im Alltag häufig Stress auszulösen – allerdings eher auf der Beziehungsebene. Kritik als Teil des Disputes wird immer mal wieder als Angriff auf die gesamte Person misinterpretiert, das führt mitunter zu echten Dschungelsymptomen -> Kampf/Flucht (in allen denkbaren Systemen).

    Eine Kultivierung von Disput wäre also wünschenswert – jedenfalls für manche Menschen und Systeme.

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