Alternative und innovative Lösungsansätze: Wie falsch ist ein “Richtig”?
Autor: Patrick Breitenbach am 23.10.2009Die vergangene Bildungskultur war zwar auf ihre Weise lösungsorientiert, aber in einem noch stärkeren Maße lösungswegorientiert. Ich hatte das damals mit dem Beispiel von Heinz von Foerster erläutert, der sich in dem Interview entsetzlich über die Geschichte eines kleinen Jungen, der von seinem Mathematiklehrer wegen eines pfiffigen alternativen Lösungsweg gegängelt wurde, aufgeregt hat. Es war dort nämlich nicht entscheidend, dass sich am Ende eine Lösung aus einem Problem entwickelte, sondern dass es genau DIE Lösung sein musste, die der Lehrer vorgefertigt im Kopf hatte. Vielleicht dazu ein anderes Beispiel, dass ich jüngst im Buch “Geistesblitze” von David Perkins gelesen habe, darin heißt es:
Einem Physikstudenten wurde in einer Prüfung diese Aufgabe gestellt:
Erklären Sie, wie Sie ein Barometer benutzen können, um die Höhe eines Hochhauses zu messen.
Der Student antwortete so:
“Nehmen Sie das Barometer mit auf das Dach des Gebäudes, binden Sie es an ein Seil, lassen Sie es auf die Straße herunter und ziehen Sie es dann wieder hoch, wobei Sie die Länge des Seiles messen. Die Seillänge entspricht der Höhe des Gebäudes.”Nun kann man sich vorstellen, dass diese Antwort für den Professor ziemlich unbefriedigend war, denn er hat ja eine komplett andere Lösung im Kopf, er wollte, dass der Student durch Unterschied des Luftdruckes in verschiedenen Höhen auf die Lösung kommt und nach Beratung mit einem Kollegen wollte er dem Studenten eine zweite Chance geben und fragte erneut und wies dabei allerding darauf hin, dass sich der Student seiner Physikkenntnisse bedienen soll. Am Ende fand der Student eine Vielzahl von Lösungen:
“Nehmen Sie ein Barometer mit auf das Dach, lehnen Sie sich über den Rand, lassen das Barometer fallen und messen sie die Falldauer mit einer Stoppuhr. Berechnen Sie mit der Formel S=1/2 at2 die Gebäudehöhe.”
“Nehmen Sie das Barometer an einem sonnigen Tag und messen Sie seine Höhe, die Länge seines Schattens und die Länge des Gebäudeschattens. Bestimmen Sie die Gebäudehöhe durch Verwendung der einfachen Proportion.”
“Nehmen Sie das Barometer und beginnen Sie, die Treppenstufen des Gebäudes hinaufzusteigen. Während Sie dies tun, markieren Sie mit dem Barometer vertikal Striche, wodurch Sie die Höhe des Gebäudes in Barometereinheiten erhalten.”
“Binden Sie das Barometer ans Ende einer Leine, schwingen Sie es wie ein Pendel und bestimmen Sie mit großer Genauigkeit den Wert g (Gravitationsbeschleunigung) auf dem Niveau der Straße und auf der Spitze des Gebäudes. Aus dem Unterschied der Werte von g lässt sich prinzipiell die Gebäudehöhe berechnen.”
“Nehmen Sie das das Barometer mit in den Keller, klopfen Sie an die Tür des Hausmeisters und sagen Sie: “Lieber Hausmeister, ich habe hie ein wunderschönes Barometer. Wenn Sie mir sagen, wie hoch das Gebäude ist, erhalten Sie es zum Geschenk …”
Diese Geschichten sollen meines Erachtens zwei Dinge verdeutlichen:
1. Enge, vorgefertigte Lösungsansätze lähmen den Geist von Lehrenden ein und verderben mitunter oft genug das eigenständige Denken, aber vor allem den Spaß daran. Die Gefahr der von Prof Dr. Michael Zerr zitierten Stoff-Bulimie wächst. Fakten und dessen unantastbare Aura bremsen den kreativen und innovativen Geist und zerstören wichtige Eigenschaften als eigenständiges und unternehmerisch denkendes Wesen.
2. Es gibt nicht DAS Richtig und DAS Falsch. Bedeutet aber im Umkehrschluss auch nicht, dass alle Lösungen die gleiche Qualität besitzen. Die vorgeschlagenen Lösungswege des Studenten sind zwar alle irgendwie “richtig”, aber trotzdem unterschiedlicher Qualität, da alle beispielsweise unterschiedlich aufwendig, teuer oder gefährlich sind. Daher gilt es im ersten Schritt ganz viele verschiedene Lösungswege zu erarbeiten, um dann vergleichend den effektivsten Lösungsweg zum “doing”, also zur Umsetzung, auszuwählen.
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