Führungskunst 6: Anticipation

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 21.10.2009

In dem Band “Führung, Wandel und Innovation” stellt Professor Dr. mult. Mihai Nadin die Frage “How can anticipation inform creative leadership?”

Mihai Nadin, Ashbed Smith Professor an der University of Texas in Dallas und Direktor des anté Institute for Research in Anticipatory Systems lehrte zuvor unter anderem in Wuppertal, New York, Berkley und Stanford. Darüber hinaus hat er über 20 Bücher veröffentlicht, von denen wohl “The Civilization of Illitracy” das bekannteste sein dürfte.

Nadin traf ich erstmals vor dem Jahrtausendwechsel an der Uni Wuppertal. Er leitete dort das Fachgebiet Computational Design, während ich, neben meiner Tätigkeit als Geschäftsführer eines IT-Security Unternehmens, dort regelmäßig Vorlesungen hielt. Damals schlug ich ihm ein Buch zum Thema Vertrauen vor. Das Thema beschäftigte mich damals aus beruflichen Gründen: Computerviren, Trojaner und allerlei andere Internetattacken auf der einen, aber auch der Bedarf vertrauenswürdigen Inftrastrukturen für Business und Verwaltung auf der anderen Seite, stellten eine reizvolle Spannung dar. Wie auch die Diskussionen in unserem Branchenverband zeigten, gab es auch damals schon viel mehr Fragezeichen als Antworten. Zudem hatten mich die einschlägigen Werke von Niklas Luhmann und Francis Fukuyama ungeheuer fasziniert.

Nadin schlug direkt vor, eine internationale Konferenz zu organisieren, die dann letzten Endes im Januar 2001 in Wuppertal stattfand. Zur Konferenz kamen namhafte Experten wie der inzwischen verstorbenen Systemtheoretiker Robert Pestel (u. a. Club of Rome), Mercedes Villanova, Paul Hoyningen-Huene, Gerold Behrens, Walter Gora, Johannes Ehrhardt, Johannes Wiele und viele mehr. Leider ist das Buch zu dem Kolloquium internationaler Experten trust//the.21.century.and.beyond schon lange vergriffen.

Trust und Anticipation sind im Grunde zwei Seiten einer Medaille, denn auch Vertrauen ist eine antizipatorische Haltung. Für Nadin beschreibt Anticipation ein fundamental neues Verständnis, was Organisationen sind und wie man deren Performance verbessern kann. Eine besondere Rolle fällt dabei der Führung zu. Gute und schlechte Führung kann man nach allgemeinem Verständnis erst unterscheiden, wenn es eigentlich schon zu spät ist: “The distinction between good and bad leadership becomes apparent after the fact. Pretty much like cooking.”

Für Nadin geht es darum, die intrinsischen Limitatoren der cartesischen Rationalität zu überwinden: Reduktionismus und Determinismus. Es geht ihm darum, das Maschinendenken, das unsere Zeit immer noch prägt, zu überwinden. Maschinensysteme haben für Nadin inhärente Leistungsgrenzen, die nicht überschritten werden können. Antizipatorische Systeme kennen diese Grenzen jedoch nicht, da ihre eigene kreative Weiterentwicklung Teil ihrer Konstruktion ist.

Nadin, Mihai (2008): How can anticipation inform creative leadership?; in: Becker, Lutz/Ehrhardt, Johannes/Gora, Walter; Führung, Wandel und Innovation – Wie Sie Potenziale entdecken und erfolgreich umsetzen, Düsseldorf (Symposion)

Links:

Prof. Dr. mult. Mihai Nadin
anté Institute
Kolloquium internationaler Experten: trust//the.21.century.and.beyond