Führungskunst 5: Kultureller Wandel
Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 9.10.2009„(…) sobald es eine Geschichte gab, gab es auch jemanden der sie wahr machen wollte. Allerdings war die Geschichte diesem Drang um eine Nasenlänge voraus.“ Dieses Zitat von Terry Prachett, Ian Stewart und Jack Cohen (*) passt ideal zum Beitrag von Professor Dr. Frank Witt und Dr. Thomas Lützenrath.
Drehen wir die Uhr ein wenig zurück, es war jene Zeit, als die Karlshochschule noch Merkur Internationale Fachhochschule hieß. Allen Professoren war klar, dass sich etwas ändern musste. Nicht nur die alten Studiengänge hatten, wie uns Akkreditierer und Wissenschaftsrat damals ins Gebetbuch schrieben, dringend eine Überarbeitung nötig, sondern eine umfassende kulturelle Veränderung musste her. Oder wie Frank Witt damals zu sagen pflegte: “Wir müssen nicht von vornherein besser sein, wir müssen zuerst einmal anders sein.” Auf keinen Fall, da waren sich die meisten Professoren einig, wollten wir einem Bildungsdurchlauferhitzer dienen, sondern eine Universität des 21. Jahrhunderts, aber auf den Grundfesten eines Humboldt’schen Bildungsideals und im Sinne einer autonomen Zweckgemeinschaft von Lernenden und Lehrenden (universitas magistrorum et scholarium), verantwortlich und nachhaltig gestalten.
Es war jene Zeit, wo wir Professoren uns oft die Köpfe bis tief in die Nacht die Köpfe heiß geredet haben. Unsere Gespräche drehten sich nur noch um eine Thema: “Wie könnte man die traditionsreiche, aber leicht angestaubte Merkur FH zukunftsfähig machen?” Frank favorisierte ursprünglich das Modell der amerikanischen Business School, während ich damals eher nach dem “Dritten Weg” suchte. Doch bald kristallisierte sich, ich glaube Michael Zerr hat Heinz von Förster in den Ring geschickt, Schritt für Schritt das heutige Konzept einer kulturalistisch-konstrultivistisch geprägten Hochschule heraus.
Da gab es jenes legendäre Treffen der Professoren auf der Terrasse der Postgalerie und ich erinnere mich noch zu gut, als Michael Zerr eines Abends mit einem verknickten Waschzettel auf eine Mara-Schorle ins Lehner’s kam, auf dem er erstmals seine Idee von der V-Struktur unserer Bachelor-Studiengänge skizziert hatte.

In dieser Zeit heisser Diskussionen ist auch der Beitrag von Frank Witt und unserem Aufsichtsratsmitglied Thomas Lützenrath entstanden. Der Beitrag ist eine Fallstudie zum Philips-Konzern (dass Philips einmal mein Arbeitgeber war, ist dabei reiner Zufall). Es geht in diesem Beitrag um die Notwendigkeit des kulturellen Wandels und darum, dass kultureller Wandel eine Frage der beteiligten Köpfe ist. Witt und Lützenrath weisen die Dinosaurier Theorie zurück, nach der der Niedergang großer Unternehmen (man führe sich die Geschichte von Lehmann Brothers, Grundig, KarstadtQuelle, Bauknecht oder Nixdorf vor Augen), zwangsläufig sein soll.
Unternehmen mit (qualitativ) guten Ressourcen und einem fähigen Management können sich geändertem Bedingungen anpassen und aus ihnen Nutzen ziehen. Oder anders formuliert: Es ist die originäre Aufgabe der Führung, Unternehmen immer wieder an veränderte Situationen anzupassen; gelingt das nicht, kann man getrost von Führungsversagen sprechen. So gesehen unterscheidet sich das evolutorische Denken in der Betriebswirtschaft von dem Darwins und seiner Jünger. In der Natur regiert allein der Zufall, während es in der Betriebswirtschaftssphäre, so etwas wie “Intelligent Design” und die “Visible Hand” gibt und geben muss. Der strategische Umgang mit sich verändernden Rahmenbedingungen, Innovation und Wandel ist, wie Witt deutlich macht, nicht zuletzt eine Frage des gekonnten Timings: “Für den Zeitpunkt eines Strategiewechsels gilt: Grundsätzlich proaktiv, noch während alte Geschäftsfelder florieren”, was natürlich eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Geschäftsmodellen und eine Reflexion der Verhaltensmuster voraussetzt. Witt formuliert es radikal: “Unternehmen sind Wert auf Zeit, sie müssen rechtzeitig zerstört und umgebaut werden.”
Frank Witt hat, wie er immer wieder betont hat, über Philips geschrieben und doch an vielen Stellen seines Beitrages die damalige Merkur gemeint. Den ganzen Beitrag hat er als Allegorie auf die damalige Situation vor dem Umbruch verstanden – der Beitrag spiegelt deshalb eines der Narrative wider, das die Karlshochschule zu dem gemacht hat, was sie heute ist.
Alle Beteiligten sind heute glücklich, dass die neue Hochschulleitung, das Kollegium und – last not least – die vielen engagierten Studierendem den Wandel gemeinsam angepackt und trotz vieler Hürden, singulärer aber umso heftigerer Widerstände und schlafloser Nächte bewältigt haben. Es liegt vielleicht noch noch ein weiter Weg vor uns, aber wir haben, da sind wir sicherer denn je, auf jeden Fall den richtigen Weg eingeschlagen.
Zwar hat sich Frank Witt persönlich schon lange bevor das Change Projekt hin zur Karlshochschule wirklich ins Rollen kam und unser heutiger Präsident Michael Zerr die Geschichte wirklich umsetzte, zurückgezogen und einen Ruf nach Kairo (inzwischen ist er für den DAAD Äthiopien) angenommen. Aber manche seiner Ideen wurden von Michael Zerr und den anderen Beteiligten später wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Frank Witt’s Geschichte ist Teil des “Mem(kom)plexes”, der die Karlshochschule heute ausmacht.
In Anlehnung an den Philips Claim steht die Karlshochschule heute für “Sense NOT Simplicity“.
Das Interview
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wurde ím Jahr 2008 aufgezeichnet.
(*) Terry Prachett/Ian Stewart/John Cohen (2003): The Science of Discworld II – The Globe; London (Ebury Press, dt: Die Philisophen der Rundwelt)
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