Führungskunst 4: Die Krise
Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 24.09.2009Zum G20 Gipfel in Pittsburgh könnte der Beitrag „Die Finanzkrise verstehen und Konsequenzen ziehen“ des Karlsruher Juristen Dr. Harald Wozniewski kaum passender sein.
Dem heute vorgestellten Autor der Reihe „Die Neue Führungskunst – The New Art of Leadership“, dem Gründer des Karlsruher Instituts für Wirtschaftsforschung, bin ich vor einigen Jahren ganz zufällig im Hausflur vor seiner Karlsruher Anwaltskanzlei ins Gespräch gekommen. Zuerst entdeckten wir unser gemeinsames Hobby: Segeln.
„Dr. Wo“ ist das, was man gemeinhin einen Querdenker nennt, ein Mensch, der die Welt auch einmal mit einer ganz anderen Brille betrachtet und den Sinn scheinbar in Stein gemeißelter Regeln in Frage stellt. Wer althergebrachtes Denken über den Haufen wirft, macht sich bei Bewahrern und Traditionalisten kaum Freunde (siehe auch Patrick Breitenbachs Blogeintrag zum Thema Paradigmenwechsel). Dr. Wos ungewöhnliche Trimm- und Taktiktips lassen manchem Segler die Haare zu Berge stehen, in Foren gleichen die Reaktionen auf seine Vorschläge fast schon einer Hexenjagd. Dennoch sind seine Ideen nicht unlogisch – bis heute hat mir jedenfalls niemand plausibel erklären können, warum sie nicht funktionieren sollten. Kaum einer der Kritiker, so scheint es, hat sich wirklich die Mühe gemacht, seine Empfehlungen einmal auszuprobieren.
Nicht minder quer und umstritten sind Harald Wozniewski Gedanken zur Strukturkrise unserer Volkswirtschaft. Für den Autor ist die aktuelle Krise nur Ausdruck einer tiefen Verwerfung unseres ökonomischen Systems: „Die Bankenkrise, die 2007 von den USA ausging und in viele Länder ausstrahlte, ist weit mehr als nur das Symptom einer harmlosen Konjunkturschwankung oder ein Störfall in der Kreditwirtschaft.“ Anhand seines Nilmodells erläutert der Autor die volkswirtschaftlichen Ursachen der Krise und prognostiziert den weiteren Verlauf der Krise.
Was der eine besitzt, kann der andere nicht besitzen. Unsere Weltwirtschaft basiert auf gigantischen Umverteilungsprozessen, die gerade in Krisenzeiten beflügelt werden. „Das Geldmengenwachstum verschleiert der Bevölkerung von Anfang an, wie sehr im Laufe von Jahrzehnten ihre Kaufkraft und wirtschaftliche Bedeutung im Vergleich zu den wenigen Reichen sinkt.“ betont der Autor. Davon betroffen sind keinesfalls nur die „Armen“ sondern nicht zuletzt auch die Mitte unserer Gesellschaft, Angestellte, Freiberufler und mittelständische Unternehmer. Wozniewski warnt gerade kleine und mittelständische Unternehmen vor zuviel Optimismus bei der Kreditaufnahme und warnt vor weiteren, nahezu unausweichlichen Zahlungsausfällen.
Auch wenn viele Daten auf ein rasches Ende der aktuellen Krise deuten mögen, die grundlegenden Probleme sind damit nicht gelöst. Hoffen wir, dass Pittsburgh mehr sein wird, als nur Makulatur. Die Chance stehen nicht gut!
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