Das Internet-Manifest: Gut oder schlecht?

Autor: Patrick Breitenbach am 7.09.2009

hippies

Da haben sich also einige mehr oder weniger bekannte Netzpersönlichkeiten zusammengesetzt und eifrig an einem deutschen Internet-Manifest gebastelt. Alle anderen, die sich für mindestens genauso kompetent in Fragen der Netzkultur betrachten, wurden außen vorgelassen und schlichtweg nicht in den Prozess der Formulierung mit einbezogen. (Nein, damit meine ich nicht nur mich, auch auf die Gefahr hin als einzelner bösartiger Neider dazustehen). Selektion? Zufall? Ein, schnell wieder gelöschter Tweet meinte zum Beispiel: “Ich hatte früh Mitarbeit angeboten, aber die “Elite” wollte unter sich bleiben.”

Egal ob gewollt oder nicht, aber allein diese Vorgehensweise dieses Alleingangs, des “hier ist das was wir für richtig halten und das was ihr falsch macht”, würde ja eigentlich schon dem Prinzip des Grundgedanken Internets widersprechen, oder? Sind wir im Mitmach-Internet nicht auch konsequenterweise dem Mitmachen verpflichtet? So war es auch mehr als unglücklich, dass das Manifest zunächst ohne Kommentarfunktion online ging. Andere hingegen fragten nicht zu Unrecht: “Brauchen wir überhaupt ein Internet-Manifest?”

Ich versuche euch diese Frage selbst beantworten zu lassen, jeder für sich. Denn darum geht es letztendlich, es geht darum, was ihr glaubt.

Doch gehen wir zunächst ein wenig zurück in die Kulturgeschichte des Internets. Ursprünglich war die Idee dieser Vernetzung scheinbar auch auf dem Mist einiger Freidenker und Hippies gewachsen, die in den 60er Jahren einen alternativen Lebensentwurf stricken wollten. Dieser Entwurf stand völlig konträr zum existierenden imperialistischen, kapitalistischen und hierarchischen Gesellschaftssystem (so jedenfalls deren Wahrnehmung), mit den jeweiligen zu Grunde legenden politischen und gesellschaftlichen Ausformungen wie Unterdrückung von Minderheiten, Herrschaft von Eliten, keinerlei persönliche Mitbestimmung in einem System, was seinerzeit (und auch heute noch) geprägt war von Angst, Meinungsunterdrückung, Krieg, Terror und sonstigen Repressalien. Die Informationskontrolle lag meistens in den Händen weniger und die Politik- und die Wirtschaftseliten prägten die jeweilige Kultur durch ihre Konstruktion der Wirklichkeit durch die Massenmedien.

Der utopische Entwurf der damaligen Gegenkultur bestand also aus dem Grundgedanken, dass jeder Mensch das Recht hat sich frei zu entfalten, ohne dabei einen anderen Menschen daran zu hindern, das Gleiche zu tun. Was aber tun, wenn die jeweiligen Lebenswirklichkeiten völlig unterschiedlich geprägt waren? Wenn eine Kultur von Grund auf geprägt war, Herrschaftsansprüche mit Kontrolle und Repression (z.T. massiven Mord & Totschlag) umzusetzen? Nun, es gibt in einem solchen Szenario immer zwei Möglichkeiten, diese Ziele zu verwirklichen: Kampf oder Kooperation.

Wenigstens hatten viele “Hippies” (Hippies sind vielleicht das Resultat einer urchristlichen Denkströmung, also diejenige, die Nächsten- und Feindesliebe propagierte) begriffen, dass man mit “Kampf” nicht wirklich Harmonie und Gleichgewicht erzielen kann. Sie durchschauten die Machtstruktur und deren Mechanismen, die grundlegend auf Gewalt und Gegengewalt beruhen und entwickelten daher den geistigen Gegenentwurf des “Leben und leben lassen”, also dem Vertrauen auf die eigenständige, friedliche Regulierung der Dinge und der Verehrung von “Vergeben” und “Friedfertigkeit”. (Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?)

Jeder kümmert sich um jeden und gemeinsam löst man die Probleme dieser Erde, solange jeder begreift, dass wir alle zusammengehören, alle Brüder und Schwester im Geiste sind und dass wir, wenn wir andere bekämpfen, wir uns am Ende eh nur selbst schaden. Also die Sache mit der einen und der anderen Wange.

Nicht zuletzt der massive und breite Gebrauch von bewusstseinserweiternden oder gemeinschaftsfördernden Drogen, die nicht zuletzt auch in vielen Völkern in diversen Variationen zum Stammeszusammenhalt eingenommen wurden, führten dazu, dass sich der Gedanke des “Einsseins” und der Liebe epidemieartig verbreitete. Nicht umsonst gab es Gedankenspiele und Versuche die gesamte Bevölkerung unter LSD-Einfluss zu versetzen (oder mindestens mal Richard Nixon) um das Gemeinschaftsgefühl komplett gesellschaftlich zu implementieren. Natürlich wäre dies nicht wenigerr verurteilungswürdig gewesen, wie sämtliche andere menschenverachtenden Versuche der Geschichte, Menschen auf eine ganz bestimmte Denkweise einzustellen. Der Grundgedanke bleibt natürlich verlockend und genau das ist das Problem. Man bildet sich ein im Recht zu sein und alle anderen Menschen umzupolen.

Was dann nach dem großen “Summer of Love” folgte, war dann der verzweifelte Versuch von radikalen Linken, die Sache mit Gewalt endgültig umzustürzen. Das heisst, sie verfingen sich wieder im alten Machtspiel, stets in der Annahme, man könne bzw. MÜSSE eine ganze Gesellschaft befreien, zur Not auch mit Gewalt. Das war ein furchtbarer Irrglaube, denn er brachte nicht nur den Terror erneut zurück auf die Weltbühne, er diskreditierte auch die Ideale und Denkansätze des Gegenentwurfes, jenseits der Machtstruktur, also der friedlichen Koexistenz – dem Leben und Leben lassen.

In diesem zugegeben weit ausgeholten Kontext (ich wehre mich im fortgeschrittenen Alter immer mehr gegen Simplizität bei solchen Themen) ist das Internet als ein ganz großes Vermächtnis dieser beschriebenen Kulturen und Gegenkulturen zu betrachten. Es ist und bleibt – so wie ich in Sascha Lobos Buch zitiert wurde “ein Spiegel unserer Gesellschaft”. Das Internet gibt uns aber auch die Möglichkeit, dass Menschen freiwillig, nach und nach, sich miteinander über die Technologie vernetzen, sich unabhängig von Geografie und Herkunft und sich so ihre eigenen Stämme bilden können und so in friedlicher Koexistenz lebend, nach und nach ein Dialog zwischen den unterschiedlichen und gegensätzlichen Kulturen und Stämmen überhaupt stattfinden kann. Getreu dem Motto: Wer twittert, schießt erstmal nicht.

Ich denke, das Cluetrain-Manifest ist ebenfalls aus diesem Background heraus entstanden. Märkte werden nicht von einzelnen reguliert – höchstens durch gleichberechtigte Kommunikation geordnet. Der Idealtyp des Marktes beansprucht aber eben eine absolute Informationsfreiheit, die es heute aber einfach nicht gibt oder geben kann. Warum?

Unser derzeitiges globales System (bzw. unsere gesamte menschliche Geschichte) beinhaltet einen wichtigen Grundsatz: Der/die/das Beste setzt sich durch.

Welche Methoden man dazu anwendet ist nicht wirklich definiert und von Kultur zu Kultur unterschiedlich, solange man sich nicht dabei erwischen lässt, ist alles irgendwie legitim, sogar der Mord unter staatlicher, religiöser oder sonstiger Flagge. Und so erzielen wir Aufmerksamkeit nicht, indem wir offen und ehrlich über unsere Projekte, Anliegen und Ideen sprechen, sondern indem wir rummauscheln, die Wahrheit und Fakten überdrehen oder dummdreist lügen. Wir warten nicht darauf bis uns jemand zuhört, sondern erkaufen uns Aufmerksamkeit in Form von Werbeflächen oder platzierten Texten in den Medien. Je mehr Geld desto mehr Aufmerksamkeit, je mehr Aufmerksamkeit desto mehr Geld. Wir korrumpieren, inszenieren Ränkespiele, versuchen alles damit sich unsere Meme, also unsere Ideen, Gedanken, Produkte, Ideologien, Weltauffassungen so erfolgreich wie möglich weiterverbreiten und dabei nehmen viele auch keine Rücksicht es mit der Ausmerzungstaktik zu probieren, indem die Gegenseite diffamiert, denunziert oder gar getötet wird. Und warum? Weil wir im System stecken und weil wir die Regeln des Systems tagtäglich neu akzeptieren und uns somit dem Druck beugen jederzeit der/die/das Beste zu sein und zu wachsen und zu wachsen und zu …

Was ich damit sagen will ist folgendes: Ein Internet-Manifest ist schön und gut, dient aber letztlich nur denjenigen, die es verfasst haben (oder die dagegen wettern) und die dadurch auf einer memetischen Welle zum weiteren Elitenstatus emporgehoben werden können. Das ist nicht verkehrt, es ist legitim, denn es entspricht zu 100% unserem derzeitigen Gesellschaftsentwurf. Es geht darum die eigenen Ideen bestmöglich zu verbreiten und dabei andere konventionelle und vielleicht in ihren Augen störende Ansätze zu löschen.

Würde es also um den Inhalt gehen, statt um die Verpackung und die Urheberschaft, so hätte man wahrscheinlich damit begonnen das Thema von vornherein als offenen Prozess zu gestalten. Jeder hätte im Wikipedia-Prinzip am Manifest mitschreiben können. Nur welchen Sinn hätte es gehabt? Das Internet organisiert sich sowieso schon von alleine, vor allem wenn man sich den Werken rund um Kybernetik und Systemtheorie bewusst macht. Jeder einzelne ist ein Rädchen im Getriebe. mit eigenem freien Willen zur Entscheidung und somit kann man gar keine Verhaltensregeln, Codexe oder Manifeste verfassen, denn diese verstoßen IMMER gegen mindestens eine existente gegenläufige Lebenswirklichkeit. Solche Manifeste laden immer zum Dialog DARÜBER ein, aber niemals zum Dialog miteinander.

Solche Manifeste sind wunderschön zu lesen, inspirieren viele Menschen und geben ihnen das Gefühl dabei zu sein, sich kuschelig zu fühlen, verstanden zu werden, doch wenn dann der nächste Fall, das nächste Versagen der Internet-Nichtversteher, der nächste angstbesetzte Versuch der Internetregulierer kommt, dann zerplatzt diese Utopie wieder und es wird einfach die nächste geschrieben, ohne dabei auf den Kern zu achten, das “warum” zu begreifen.

Daher würde ich dem Manifest noch gerne den Punkt 18 hinzufügen, denn er komplettiert das Manifest und lässt es gleichzeitig wieder in sich zusammenbrechen. (auch wenn er niemals Einzug erhalten wird, weil meine Lebenswirklichkeit sich mit den Lebenswirklichkeiten der Verfasser nicht genug deckt und man nicht so viel Platz im Internet verschenken kann)

18. Auch das Netz bleibt eine Kampfarena für Meme (Lebenswirklichkeiten), jedenfalls solange einzelne Memträger (Kultur-/Ideologierepräsentanten) die Wahrheit und das Recht für sich allein und ihre jeweilige Kultur beanspruchen und zur Not mit Gewalt und anderen repressiven Mitteln durchsetzen wollen.

(Oder in Anlehnung an Watzlawick meine These: “Man kann nicht nicht beeinflussen.”)

Dieses Internet-Manifest ist also weder gut noch schlecht: Es ist.

UPDATE: Eine lesenswerte, kluge Analyse/BEwertung findet man auch auf Digitalpublic.

8 Kommentare

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Rainer Helmes and Karlshochschule. Rainer Helmes said: Das #InternetManifest: Gut oder schlecht? http://bit.ly/36khg via @breitenbach [...]

  2. Michael Wald says:

    Da du gerade getweetet hast:

    “Ich glaub ich muss einfach wesentlich reisserischer werden: Was das Internet-Manifest mit Terror & Drogen zu tun hat:”

    trau ich mich mal auf ein anderes Manifest zu verweisen (mit Vorsicht zu genießen!) dass dem Kontext den du erwähnst (68er) “entsprungen” ist:

    http://www.equinox-net.de/wp/wp-content/downloads/unabomber.pdf

  3. Andreas says:

    Das ist kein Manifest, sondern langweilige, rundgelutschte Selbstverständigungsprosa.

  4. @Michael: Der Unabomber ist mir natürlich ein Begriff. Danke für den Link. Aber auch er hat natürlich den Fehler gemacht, eine komplette Gesellschaft mit Hilfe von Gewalt (Briefbomben) befreien zu wollen.

    Empfehle in diesem Zusammenhang den Dokumentarfilm “Das Netz”: U.a. geht es da über den Unabomber und das wissenschaftliche Umfeld, indem er sich befand. Auch Heinz von Foerster hat einen spannenden Gastauftritt. Dieser Film vermittelt ganz gut die beiden Pole rund um das Thema “Web” bzw. Technologisierung und dessen gedanklichen Grundlagen.

    @Andreas: So undiplomatisch wollte ich es dann doch nicht ausdrücken! ;-)

  5. Michael Wald says:

    @Patrick
    ja, ich hab mit lutz dammbeck (das netz) einige email wechsel gehabt.

    http://www.filtertraum.de/2007/07/04/filter-und-storgerausche/

    ich glaub eigentlich der “unabomber” wollte “nur” aufmerksamkeit.

    je mehr ich mich mit diesem themenkomplex beschäftige, desto weniger möchte ich dazu sagen =)

  6. @Michael: Die Angst scheint mir in dieser und vielen anderen Thematiken die treibende Kraft zu sein. Es geht im Grunde genommen immer um Fortpflanzung und Angst vor dem Aussterben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass manche Menschen die eigene Existenzangst dann gleich auf die gesamte Welt projezieren müssen. Das führt vielleicht zu diesen Weltbefreiungsgedanken.

    Dabei beachten die wenigsten, dass “die Befreiung” immer nur bei einem selbst möglich ist. Andere Menschen auf direktem Wege dauerhaft verändern zu wollen ist einfach sinnlos. Zwar wird jeder von jedem beeinflusst, aber diese Beeinflussung ist nicht dauerhaft kontrollierbar. Genau dann nämlich kommen die zitierten “Störungen” zum Einsatz.

    Summasummarum bleibt mir immer wieder nur der Gedanke, selbst das Beste aus seiner Situation zu machen, das menschenmöglichste in der eigenen Situation zu machen, dass es einem selbst gut geht, in Demut zu lernen, sich weiterzuentwickeln und Eigenverantwortung zu üben. Ich glaube nicht, dass Menschen glücklich werden, indem sie andere in die Luft jagen. Ich glaube schon, dass wir glücklich werden, wenn wir anderen Menschen helfen – vorausgesetzt sie bitten um Hilfe und nehmen die Hilfe an. Sonst geraten wir nämlich wieder in diesen Befreiungszwang und definieren den gegenüber als schwach, hilf- und willenlos und kerkern ihn dadurch auch wiederum ein. Siehe dazu auch meine Gedanken gestern: http://brainblogger.de/2009/09/die-unerfassbare-kultur-der-unermudlichen-unmundigkeit/

    Fazit: Ich interpretiere das Bestreben der Kybernetiker witzigerweise ganz anders. Die angestrebte “Freiheit des Systems” setzt ein eigenverantwortliches Handeln bei Menschen voraus. Solange wir aber immer noch an diesem oder jenen Rockzipfel hängen, öffnen wir natürlich Türen und Tore für Fremdbestimmung – was aber wiederum bedeutet, dass es irgendwie zugelassen oder eingefordert wird und wieder kein Grund ist das im Auftrag einer Ideologie zu zerstören. Immer daran denken, dass Systeme in sich geschlossen sind wir aber immer wieder der Illusion aufsitzen, neutraler abgekapselter Beobachter sein zu können. :-)

    Ich interpretiere Kybernetik als den selbstorganisierten Zustand des Seins. Jetzt. Wie es ist. Wie wir sind. Und das lässt sich natürlich immer weiter und weiter ableiten, so wie Heinz von Foerster es im Interview beschreibt.

    Das ist in der Tat wunderschön – wenn man es auf diese Weise betrachtet. Der Paranoiker wird es unerträglich finden, denn er braucht die Kontrolle und kann sich der scheinbaren Machtlosigkeit nicht ergeben. Er ist nicht im Stande sein Ich so völlig aufzulösen – denn er setzt es zu Recht dem Sterben gleich. Und vor allem ist er nicht in der Lage seinen Feinden und auch sich selbst zu vergeben.

    PS: Es gibt übrigens interessante Theorien in der Psychologie, dass Morde verkappte Selbstmorde sind und auch umgekehrt. Das erklärt vielleicht die eine oder andere Handlung von gewaltbereiten narzistischen Freiheitskämpfern/Terroristen. Mit Befreiung hat das nix zu tun. Es ist nur ein weiteres Gefängnis der Macht. Eine weitere Illusion.

  7. Das Internet-Manifest…

    Das Internetmaifest von Thomas, Sascha und vielen anderen ist eine Zusammenfassung der lose schwelenden Konflikte um das Thema Internet und Journalismus, die uns seit ein paar Jahren begleiten.
    In seiner disruptiven Wirkung nicht zu verwechseln mit dem…

  8. [...] Etwa wenn Martin Recke von geballter Mittelmäßigkeit schreibt oder Patrick Breitenbach fragt, ob der Entstehungsprozess des Manifests möglicherweise im Widerspruch zu zentralen Thesen des [...]

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