Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein?
Autor: Michael Zerr am 21.07.2009
Peter Bieri ist Philosoph und Schriftsteller. Bis 2007 hatte er an der Freien Universität Berlin den Lehrstuhl für «Sprachphilosophie und Analytische Philosophie» inne. Einem breiten Publikum ist er vermutlich unter dem Pseudonym Pascal Mercier mit den Romanen «Perlmanns Schweigen» (1995), «Der Klavierstimmer» (1998) «Nachtzug nach Lissabon» (2004) und «Lea» (2007) bekannt geworden. Unter seinen philosophischen Texten richtet sich insbesondere «Das Handwerk der Freiheit» (2001) an ein breiteres Publikum. Peter Bieri hat im Jahr 2005 an der Pädagogischen Hochschule Bern unter dem Titel: „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ eine Festrede gehalten, die ich hier – nicht zuletzt wegen der Bedeutung für unsere eigene Arbeit – in Auszügen vorstellen möchte:
Zunächst grenzt Bieri Bildung von Ausbildung ab: „Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden…“.
Es geht also nicht nur darum, Wissen in sich hineinzustopfen, sondern um die Fähigkeit, sich in der Welt orientieren zu können:
„Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemandem die Neugierde ab, und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden. Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren,was es in der Welt alles gibt.
…
Stets geht es um zweierlei: zu wissen, was der Fall ist, und zu verstehen, warum es der Fall ist.
Die Menge von dem, was es zu wissen und zu verstehen gibt, ist gigantisch, und sie wächst mit jedem Tag. Sich zu bilden, kann nicht heißen, außer Atem hinter allem herzulaufen. Die Lösung ist, sich eine grobe Landkarte des Wissbaren und Verstehbaren zurechtzulegen und zu lernen, wie man über die einzelnen Provinzen mehr lernen könnte. Bildung ist also ein doppeltes Lernen: Man lernt die Welt kennen, und man lernt das Lernen kennen.“
Allerdings ist im Sinne einer Bildung als Aufklärung „Orientierung in der Welt … nicht die einzige Orientierung, auf die es ankommt. Gebildet zu sein, heißt auch, sich bei der Frage auszukennen,worin Wissen und Verstehen bestehen und was deren Grenzen sind.“
Dabei ist das Bewusstsein des Gebildeten geprägt von historischer Neugierde: „Wie ist es dazu gekommen, dass wir so denken, fühlen, reden und leben? Und auf dem Grund dieser Neugierde liegt der Gedanke: Es hätte alles auch anders kommen können, es liegt in unserer Kultur keine metaphysische Zwangsläufigkeit. Das aufgeklärte Bewusstsein ist also ein Bewusstsein der historischen Zufälligkeit. Es drückt sich aus in der Fähigkeit, die eigene Kultur aus einer gewissen Distanz heraus zu betrachten und ihr gegenüber eine ironische und spielerische Einstellung einzunehmen. Das heißt nicht: sich nicht zu der eigenen Lebensform zu bekennen. Es heißt nur, von dem naiven und arroganten Gedanken abzurücken, die eigene Lebensform sei einem angeblichen Wesen des Menschen angemessener als jede andere.
…
Das historische Bewusstsein führt zu dem Bedürfnis, sich die Kultur, in die man zufällig hineingewachsen ist, noch einmal neu anzueignen. Das hat viel mit Nachdenken über Sprache zu tun. Die Geschichte von uns als Teilnehmern an einer bestimmten Kultur zu beleuchten, heißt vor allem, sich die Geschichte unserer Wörter zu vergegenwärtigen, denn wir sind sprechende Tiere, und nichts trägt mehr zu unserer kulturellen Identität bei als die Wörter, mit denen wir unser Verhältnis zur Natur, zu den anderen Menschen und zu uns selbst gestalten. Menschliche Lebensformen werden durch Sprachen geprägt, in denen sich Weltanschauungen zu Wort melden. Wie wir die Welt sehen, zeigt sich in den zentralen Kategorien, um die herum eine Sprache gruppiert ist. Wie sind diese Kategorien entstanden, wie haben sie sich gewandelt?…
Wörter wie «Grausamkeit» und «Leiden», «Glück» und «Gelassenheit» sind Beispiele dafür, wie sich in wenigen Wörtern kulturelle Selbstbilder kristallisieren. In der Sprache der Gefühle kommt zum Ausdruck, wie die Teilnehmer einer Kultur sich sehen. Lebensformen und ihre Bewertungen kommen oft in prägenden Metaphern zum Ausdruck, und man ist in einer Kultur erst richtig angekommen, wenn man die Sprache der Zärtlichkeit beherrscht, die Schimpfwörter und Obszönitäten, wenn man weiß, was für sprachliche Tabus es gibt.
Eine Kultur zu verstehen, heißt, sich mit ihren Vorstellungen von moralischer Integrität auszukennen. Wir wachsen mit bestimmten moralischen Geboten und Verboten auf, wir atmen sie ein mit der Luft des Elternhauses, der Strasse, der Filme und Bücher, die uns erschüttern und prägen – sie machen unsere moralische Identität aus und bestimmen unsere moralischen Empfindungen wie Entrüstung, Groll und schlechtes Gewissen. Zuerst – das gehört zur Ernsthaftigkeit der Moral – setzen wir diese Dinge absolut, wir lernen sie nicht als eine Möglichkeit unter anderen. Der Bildungsprozess dann besteht darin, zur Kenntnis zu nehmen, dass man in anderen Teilen der Erde, in anderen Gesellschaften und Lebensformen, über Gut und Böse anders denkt und empfindet; dass auch unsere moralische Identität kontingent ist, ein historischer Zufall …
…
Die Kenntnis der Alternativen nimmt (der Identitätsbildung) nur scheinbar ihren Wert; der Wert kann sogar als größer erlebt werden, weil wir es jetzt nicht mehr mit einem unverfügbaren Schicksal, sondern mit einer freien Wahl zu tun haben. Man könnte sagen: Nur wer die historische Zufälligkeit seiner kulturellen und moralischen Identität kennt und anerkennt, ist richtig erwachsen geworden. Man hat die Verantwortung für das eigene Leben noch nicht vollständig übernommen, solange man sich von einer fremden Instanz vorschreiben lässt, wie man zu denken hat über Liebe und Tod, Moral und Glück.
Das Bewusstsein historischer Zufälligkeit schließt noch viele andere Dinge ein: einmal ein Wissen um unterschiedliche Staatsformen und Rechtssysteme, aber auch Dinge wie: Vorstellungen von Intimität; was Anlass zu Scham ist; das Verhältnis zum Körper; Formen der Höflichkeit und Würde; wie man feiert und sich anzieht; das Verhältnis zu Drogen; Formen der Ausgelassenheit und Zärtlichkeit; wann man weint und lacht; Ausprägungen von Humor; Ausdruck von Trauer; Beerdigungsrituale; was beleidigend ist; wie man isst; was man verachtet; wie sich Mann und Frau einander nähern; Formen des Flirts. Auch hier heißt gebildet sein: Wissen um die Vielfalt, Respekt vor dem Fremden, Zurücknahme von anfänglicher Überheblichkeit.
Wenn ich in diesem Sinne gebildet bin, habe ich eine bestimmte Art von Neugierde: wissen zu wollen, wie es gewesen wäre, in einer anderen Sprache, Gegend und Zeit, auch in einem anderen Klima aufzuwachsen. Wie es wäre, in einem anderen Beruf, einer anderen sozialen Schicht zu Hause zu sein. Ich habe das Bedürfnis nach wachem Reisen, um meine inneren Grenzen zu erweitern.”
…
Der Gebildete ist demnach „einer, der ein möglichst breites und tiefes Verständnis der vielen Möglichkeiten hat, ein menschliches Leben zu leben.“
So ist mit den Worten Bieris ein Kennzeichen von Bildung „dass einer Wissen nicht als bloße Ansammlung von Information, als vergnüglichen Zeitvertreib oder gesellschaftliches Dekor betrachtet, sondern als etwas, das innere Veränderung und Erweiterung bedeuten kann, die handlungswirksam wird. Das gilt nicht nur, wenn es um moralisch bedeutsame Dinge geht. Der Gebildete wird auch durch Poesie ein anderer. Das unterscheidet ihn vom Bildungsbürger und Bildungsspießer.
…
Seine Fähigkeit, sich besser zu artikulieren, erlaubt ihm, sein Selbstverständnis immer weiter zu vertiefen und fortzuspinnen, wissend, dass das nie aufhört, weil es kein Ankommen bei einer Essenz des Selbst gibt.“
Indem er Bildung als Selbsterkenntnis beschreibt verweist Bieri darauf, dass es „Personen (kennzeichnet), dass sie sich, was ihre Meinungen, Wünsche und Emotionen anbelangt, zum Problem werden und sich um sich selbst kümmern können. Bildung ist etwas, das an diese Fähigkeit anknüpft.“
Der Gebildete – so Bieri – „ist einer, der über sich Bescheid weiß und Bescheid weiß über die Schwierigkeiten dieses Wissens. Er ist einer, dessen Selbstbild mit skeptischer Wachheit in der Schwebe gehalten werden kann. Einer, der um die brüchige Vielfalt in seinem Inneren weiß und keine soziale Identität für bare Münze nimmt.“
Im Rahmen der Identitätsbildung gehe es darum „sich in seinem Denken, Fühlen und Wollen zu bewerten, sich mit einem Teil zu identifizieren und sich vom Rest zu distanzieren. Darin besteht das Schaffen einer seelischen Identität. So meißeln wir eine seelische Skulptur für uns selbst.“
Nicht zuletzt gehe es bei Bildung auch um die Entwicklung von moralischer Sensibilität:
„Aus der Einsicht in die Kontingenz der eigenen kulturellen Identität entsteht Toleranz – kein förmliches Dulden des Fremden, sondern echter und selbstverständlicher Respekt vor anderen Arten, zu leben. Nicht, dass das immer leicht wäre. Besonders schwierig ist es dann, wenn das Fremde die eigenen moralischen Erwartungen verletzt.“
Bildung sei „die schwer zu erlernende Kunst, die Balance zu halten zwischen dem Anerkennen des Fremden und dem Bestehen auf der eigenen moralischen Vision. Es gilt, diese Spannung auszuhalten: Bildung verlangt hier Furchtlosigkeit.“
Schließlich sei Bildung eine poetische Erfahrung:
„Ausbildung ist stets an einem Nutzen orientiert: Man erwirbt ein Know-how, um etwas zu erreichen. Dagegen ist die Bildung, von der hier die Rede ist, ein Wert in sich, wie die Liebe.“
Bieri schließt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für leidenschaftliche Bildung:
„Der Gebildete ist an seinen heftigen Reaktionen auf alles zu erkennen, was Bildung verhindert. Die Reaktionen sind heftig, denn es geht um alles: um Orientierung, Aufklärung und Selbsterkenntnis, um Phantasie, Selbstbestimmung und moralische Sensibilität, um Kunst und Glück. Gegenüber absichtlich errichteten Hindernissen und zynischer Vernachlässigung kann es keine Nachsicht geben. … Der Gebildete sieht jede Kleinigkeit als Beispiel für ein großes Übel, und seine Heftigkeit steigert sich bei jedem Versuch der Verharmlosung. Denn wie gesagt: Es geht um alles.“
Es lohnt sich, die ganze Rede nachzulesen, sie ist abgedruckt auf der Website der PH Bern.
Hier triffst du uns
- 10.09.2010 - 11.09.2010 ab 09:00 Uhr
Messe: Einstieg Abi Dortmund - 28.09.2010 - 29.09.2010 ab 08:00 Uhr
Messe: Abi - was dann? Saarbrücken - 28.09.2010 - 29.09.2010 ab 09:00 Uhr
Messe: Vocatium Mannheim
Infotage
- 11.09.2010 ab 09:30 Uhr
Studieninformationstag Karlsruhe
Sonstige Events
- 09.09.2010 - 10.09.2010 ab 10:00 Uhr
stART Conference 2010 (Kultur + Web 2.0) Duisburg - 15.09.2010 - 17.09.2010 ab 08:00 Uhr
International Conference: Narrative & Innovation Karlsruhe - 28.09.2010 - 30.09.2010 ab 00:00 Uhr
PMO Symposium 2010 20148 Hamburg
Fans auf Facebook
Karlshochschule Netzwerk
- Karlshochschule International University
- Forschung der Karlshochschule
- Pressebereich der Karlshochschule
- Karlshochschule Managementinstitut
- Narrative & Innovation Conference 2010
- Summeracademy on Intercultural Experience
- Karlsgespräche (Vortragsreihe)
- Energiemanagement Blog
- Studiengang Kulturmanagement Blog
- Blog des Studiengangs Messe-, Kongress-, Eventmanagement
- Bibliothek der Karlshochschule
- BackyardTV - CampusTV der Hochschule
- Karlshochschule Alumni
- Die Bachelorfeier 2009
- Bilder zum Aceept-Kongress 2009











