Freiräume
Autor: Michael Zerr am 19.07.2009Kompetenz statt Stoffbulimie hatte ich in einem meiner früheren Beiträge gefordert und daran möchte ich heute nach einer längeren Zeit selbst auferlegten Schweigens anknüpfen. Im Rahmen der Neugestaltung unserer Studiengänge haben wir uns im letzten Jahr auch intensiv mit unserem Selbstverständnis auseinander gesetzt. In einem der Texte heißt es dazu:
„Inhaltliche Positionierung und didaktisches Konzept sind (gewissermaßen als zwei Seiten einer Medaille) logisch miteinander verknüpft. Einer inhaltlichen Ausrichtung im Sinne einer kulturwissenschaftlich geprägten (interpretativen) Wirtschaftswissenschaft mit einer Betonung von interkulturellen Kompetenzen, der Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz und zum Perspektivenwechsel und dem Verständnis von (kulturell unterschiedlichen) Möglichkeiten der symbolisch vermittelten Sinnstiftung entspricht ein kulturell-konstruktivistisches didaktisches Konzept.
Dabei wird der Kulturbegriff verstanden als ein Begriff 2. Ordnung, nämlich als Beschreibung nicht eines Phänomens, sondern einer Beobachterperspektive, aus der, geprägt von der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, das Eigene plötzlich fremd oder jedenfalls nicht mehr selbstverständlich ist.
In diesem Sinne soll in den Lehrveranstaltungen neben dem Erlernen von „Rules and Tools“ immer auch die Frage nach dem „Warum“ und das Staunen über das eigentlich Selbstverständliche stehen – und zwar mit Fortschreiten des Studiums in zunehmendem Maße. Dies korreliert mit einer konstruktivistischen Perspektive, die Lernen als je eigene Wirklichkeitskonstruktion des Lernenden in Anknüpfung an vorhandenes Wissen versteht, und die deshalb den Lernenden und sein Lernerlebnis in den Mittelpunkt der Didaktik stellt.
Dies drückt sich in einem Dreiklang von Instruktion, Konstruktion und Reflexion in den einzelnen Modulen und Lehr- bzw. Lerneinheiten aus:
• Durch Anteile klassischer Instruktion („Rules and Tools“) soll den Studierenden eine konzentrierte und fundierte Wissensgrundlage vermittelt werden.
• Im Rahmen der Konstruktion soll ihnen insbesondere die Möglichkeit zu eigenen Lernerfahrungen, zur Vernetzung ihres Wissens und Könnens mit Vorwissen und Vorerfahrungen und zum Aufbau eines eigenen Qualifikations- und Kompetenzprofils gegeben werden. Dies geht einher mit einer entsprechend starken Betonung von selbstgesteuertem, entdeckendem und spielerischem Lernen mit Hilfe von Rollenspielen, Fallstudien, Planspielen und Simulationen, Trainings mit Anteilen an Micro-Teaching und Gruppenarbeiten.
• Im Rahmen der Reflexion schließlich sollen die Studierenden ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen mit denen Anderer vergleichen und kritisch hinterfragen.“
Lutz Becker hat sich in seinem Beitrag zum Semesterende gewünscht, dass wir Lehrenden die Luft bekommen, uns auf das zu konzentrieren was wirklich zählt: Gute Lehre und möglichst wegweisende Forschung Hand in Hand mit der Praxis. Und er hat Recht. So schwierig es im Einzelfall sein mag: Ich sehe es als meine Aufgabe, uns diese Freiräume zur persönlichen Begegnung mit Studierenden und Kollegen, zu Neugier und Experiment, zu Nachdenken und Vor-Denken zu sichern. Nur dann kann Kompetenz entstehen.
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