Freuden und andere Tränen

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 9.07.2009

Die Emotionen schlagen höher als bei DSDS. Zum Glück überwiegen bei den Bachelor Aufnahmegesprächen an der Karlshochschule die Freudentränen derer, die es in den Recall fürs Wintersemester geschafft haben. Ziel des Aufnahmeverfahrens ist es, dass wir Professoren uns nochmals ein Bild der Studierenden machen. Haben sie sich für das richtige Studium entschieden? Passen die Kandidaten zu uns, zu unseren Studierenden, Mitarbeitern und Profs? Werden sie ihr Studium erfolgreich abschließen können? Welche Defizite müssen die Kandidaten ausmerzen? Es geht dabei vorrangig um Beratung, aber auch um Selektion. Nicht immer sind die Kandidaten für ein anspruchsvolles Studium geeignet, und natürlich können wir bei Weitem nicht alle Interessenten, die sich an der Karlshochschule bewerben, annehmen. Das tut manchmal weh, sehr weh.

Was meine Kollegin Professor Ricarda Merkwitz und mich bei der Geschichte wirklich schwarz ärgert, sind die Spannbreiten der Noten, die von Bundesland zu Bundesland, von Schule zu Schule, von Lehrer zu Lehrer so weit auseinander driften, dass von Notengerechtigkeit im Abi kaum die Rede sein kann. Da gibt es Abiturienten mit einer Zwei oder Drei in Englisch, die kaum einen zusammenhängenden Satz formulieren können, während andere mit Vieren im Abi sich sehr reflektiert und äußerst gewandt artikulieren. Andere Beispiele gibt es in Hülle und Fülle. Natürlich ist dann die Enttäuschung riesig, wenn die Professoren trotz ordentlicher Zeugnisnoten eine schlechte Prognose ausstellen und die Kandidaten nicht zum Studium an der Karlshochschule zulassen. Auf der anderen Seite entdecken wir im Aufnahmeverfahren auch ab und zu ungeschliffene Diamanten, für die es an ihrer Schule oder im Schulsystem keinen Platz gibt, die aber trotzdem das Zeug dazu haben, ein anspruchsvolles Studium erfolgreich abzuschließen. Dann kullern gar nicht selten Freudentränen.




  • http://www.newyorker.com/arts Abby

    Na, das sind aber ganz schöne große Worte für ganz schön kleine Leute!

    Leute, die es sich im Leben nicht getraut haben, sich selbstständig zu machen, oder eine eigene, erfolgreiche Firma zu führen – und sich stattdessen wie typische Deutsche mit Beamtenmentalität hinter Titeln und in großen Firmen versteckt haben – bis sie (ganz Beamte) sich ein sicheres Pöstchen an einer Hochschule verschafft haben.

    Dass die Bildung in Deutschland nichts taugt liegt daran, dass sie Beamten überlassen wird.

    Menschen, ohne jede Praxis -und Lebenserfahrung, die noch nie etwas gewagt haben.

    Wer sich über die “Spannbreiten” der Abiturnoten ärgert, sollte erst mal vor seiner eigenen Tür kehren – und sich fragen, warum er “Professor” an einer Provinzhochschule spielt – anstatt eine erfolgreiche Agentur in Berlin oder New York zu führen?

    Ich glaube kaum, dass man von solchen Leuten etwas lernen kann – ausser man ist auf eine Beamtenkarriere scharf.

    Beste Grüße,

    Abby

  • http://www.merkur-fh.org Patrick Breitenbach

    Hallo Abby,

    ich hoffe, du warst nicht eine derjenigen, die enttäuscht wurden und abgelehnt worden sind. Falls doch, so könnte ich deine etwas verbittert klingende Enttäuschung nachvollziehen.

    Ich glaube aber du schätzt an dieser Stelle unsere Professoren etwas falsch ein. Die meisten, so wie ich es jedenfalls bisher mitbekommen habe, waren und sind noch aktiv in der Praxis tätig.

    Ob nun alle erfolgreiche Menschen auch gleich Entrepreneure und Unternehmensführer im Sinne des eigenen (Familien)unternehmens sein müssen stelle ich mal dahin. Dass auch automatisch all diese Entrepreneure Zeit, Lust und die Fähigkeit haben ihr Wissen in Form einer festen – im Vergleich schlechter bezahlten – Professur weiterzugeben, bezweifle ich. Aus diesem Grund holen wir beispielsweise zahlreiche Gastdozenten an die Hochschule, aber nicht, weil unsere Professoren keine Praxiserfahrung haben, sondern um unser Lehrangebot noch facettenreicher auszugestalten. Je mehr Stimmen, je mehr Perspektiven umso besser. Hilft nämlich vor allem dabei, sehr viele Vorurteile abzubauen, nicht wahr?

    Aber, und das führt uns zurück zu deinen Vermutungen, sicherlich gibt es für Menschen auch noch andere Motive, warum sie einen Lehrauftrag annehmen, zum Beispiel weil ihnen das Weitergeben von Wissen wirklich am Herzen liegt, oder sie begeistert sind von einem etwas anderen Hochschulkonzept, was hier kürzlich gemeinsam mit Professoren und Studierenden entworfen wurde. Auch ich könnte locker irgendwo anders in einer großen Agentur schuften, aber ich kenne das Agenturleben und es kotzt(e) mich an. Eigentlich bin ich Freelancer, aber das Konzept und die Menschen an dieser Hochschule haben mich so begeistert, dass ich einfach hier arbeiten will. Trotz weniger Einkommen und weite Pendelstrecken. Jeder hat halt so seine persönlichen Prioritäten und die Welt ist alles andere als Schwarz/Weiss.

    Ja, mag sein, dass viele Profs sich auch einen schönen Lenz in den Hochschulen machen, weil sie vielleicht in der Praxis nicht so viel gebacken bekommen haben, aber so lange sie ihren Job gut und mit voller Leidenschaft machen, wäre für mich nichts dagegen einzuwenden.

    Und nochmal zu den großen Agenturen auf der Welt. Glaube mir, das sind nicht wirklich die “besseren Menschen”, es ist keine Seifenblasen-Gute-Zeiten-Schlechte-Zeiten-Welt und als dynamische Entrepreneuer muss man nicht automatisch gut sein, in dem Bereich den man macht.

    Also, zusammengefasst: Unser Hochschulpräsident Michael Zerr (der Grund warum ich überhaupt hier bin) ist sowohl Unternehmer (immer noch erfolgreich mit einer Berliner Viralmarketingagentur) als auch erfahrener Manager und Gründer von Yello Strom. Wenn du ihn näher kennen würdest, würdest auch du bemerken, dass er so gar nicht dem Bild eines Beamten entspricht. Aber wirklich so gar nicht. Ich bin mir auch sicher, dass er bei Interesse sich mal mit dir unterhalten würde.

    Lutz Becker (Autor dieses Beitrages) habe ich leider noch nicht so intensiv kennenlernen können, aber ich weiß von ihm, dass er auch erfolgreich in der Praxis tätig war (Philips, Steganos) und auch noch immer mit seinem Beratungsunternehmen tätig ist. Alle anderen Profs könnte ich jetzt hier gleichsam durchgehen, dauert aber zu lange. Vielleicht hast du ja Lust selbst mal in den Profilen zu schauen und im Netz zu recherchieren.

    Ach ja und vom Standort auf die Qualität zu schließen qualifiziert nicht unbedingt dazu ein guter Unternehmer zu werden. Gibt genug extrem erfolgreiche Unternehmen, die in der Provinz entstanden sind. Es zählen die Menschen die zusammen kommen und viele unserer Lehrbeauftragten (und auch ich selbst) pendeln, meist auch sehr weite Strecken (Berlin etc.)

    Ich hoffe ich konnte damit ein paar Sachen klären, falls nicht frag gerne nach oder ruf uns einfach mal an.

    Liuebe Grüße

  • Lutz Becker

    Hallo,

    das ist wieder Wasser auf meine Mühlen :-)

    Sind so gesegnete Vorurteile und der öffentliche Umgang mit Ansichten (leider keine Einsichten) ein Produkt unseres Bildungssystems?

    Die Karlshochschule ist eben keine (staatliche) “Provinzhochschule”, sondern sie verfolgt als Hochschule in privater Trägerschaft ein eigenständiges wissenschaftliches und didaktisches Konzept, das zumindest in Deutschland – und vielleicht auch darüber hinaus – seinesgleichen sucht. Unsere Profs sind keine “Beamten” (weder faktisch, noch in dem hier wohl gemeinten Sinne), sondern sie sind Überzeugungstäter, die davon getrieben sind, dass sie die Erfahrungen, die sie in der Wirtschaft gemacht haben, an die nächste Generation weitergeben wollen. Ich kann da nur unseren Präsidenten, Professor Dr. Michael Zerr nennen, der immerhin mal Yello-Strom “erfunden” und erfolgreich an die Börse gebracht hat. Ich habe mein erstes Unternehmen vor 18 Jahren gegründet, die Firma gibt es immer noch, wenn ich auch zugeben muss, dass es nicht immer leicht war, und ich selbst in meiner Zeit als Geschäftsführer so manchen vermeidbaren Fehler gemacht habe. Vielleicht, weil zu meiner Zeit nur wenige Professoren Erfahrungen aus der Wirtschaft mitbrachten und uns deshalb nicht oft vermittelt wurde, was wirklich wichtig ist.

    Was mich persönlich auch noch umtreibt, sind die vielen Dinge, die es im Wirtschaftsleben unterhalb der Wasserlinie gibt, die sich nicht durch die hergebrachten betriebs- oder volkswirtschaftlichen Theorien erklären lassen. Diese Dinge möchte ich besser verstehen, dazu bedarf es der Forschung. Und last not least hat sich die die Welt gedreht -und ich wage sogar zu prognostizieren: Sie wird sich auch weiter drehen. Da möchte ich ein bisschen dazu beitragen, dass wir alle die neue Welt besser verstehen, und, wenn möglich, möchte ich sie auch mit meinen Studis ein klein wenig verbessern. Das geht am besten, indem man zuerst einmal mit alten Vorurteilen und Halbwissen aufräumt. ;-)

    Was kann man jetzt hieraus lernen?

    (1) Man sollte, bevor man Ansichten äussert, möglichst zu Einsichten kommen
    (2) Ein sorgfältige Analyse der Situation kann deshalb nie schaden. Das, was man tut und sagt, könnte sich sonst als Bumerang erweisen
    (3) Sind (1) und (2) Dinge, die man bei uns lernen kannn.

    In diesem Sinne schließe ich mich gerne Patrick Breitenbach an: Anruf genügt!

    Lutz Becker

    P.S.: Noch ein Satz zu den “Beamten”: Ich habe in meinem Leben viele Beamte – auch Lehrer und Professoren – getroffen, die engagiert, kompetent und mit hohem ethischen Anspruch hervorragende Dinge geleistet haben. Man muss sich nur einmal mit dem, was diese Menschen tun und warum sie es tun, auseinandersetzen.