Social Media Barcamp Berlin – Mein Rückblick
Autor: Patrick Breitenbach am 29.06.2009Für all diejenigen, die nicht wissen was ein Barcamp ist – vielleicht auch für die Messe-, Kongress- und Eventmanager interessant zu wissen – ein Barcamp ist eine Ad-Hoc-Unkonferenz. Wie der Name schon ganz richtig vermuten lässt, soll dies ein Gegenentwurf zu klassischen Konferenzen darstellen, also kein festes Programm, kein Eintritt und alles soll sich an diesen anberaumten Tag oder tagen möglihst selbstorganisieren, also von Sprecher bis Tagesordnung. Wer bei sowas noch nicht teilgenommen hat wird ohne Zweifeln berechtigte Zweifel an diesem chaotischen Konferenzprinzip äußern, doch ich kann nach mehrmaligen Barcampteilnahmen zu 100% bestätigen: Es funktioniert tatsächlich!
Die Grundidee des Barcamps besagt eigentlich, dass es nur Teilnehmer, keine Zuhörer gibt. Also jeder muss irgendwie seinen Beitrag leisten, ob als Organisator oder Sprecher bzw. Diskussionsrundenleiter. Die einzelnen Panels oder Sessions genannt werden dann sehr spontan und kurzfristig in der Eröffnungsrunde vorgestellt und per Post-It oder ähnlichem funktionalem Papier an eine Wand geklebt an der tabellarisch die Zeiten und freien Räume aufgeführt sind. So ergibt sich binnen weniger als einer Stunde meist das Programm dieser Un-Konferenz. Übrigens muss man nicht nur was zu sagen haben, man kann auch Fragen stellen und diese laut äußern, so dass es vielleicht einen Experten gibt, der spontan demjenigen etwas darüber erzählen kann. Ein freier Informationsaustausch ganz im Sinn der ursprünglichen Web 2.0 Bewegung und fern von den üblichen Verkaufspräsentationen großer Kommunikations- und IT-Kongresse. Mittlerweile boomen die Barcamps und zu allen erdenklichen Themen wird auf diese ungewöhnliche Art des Austausches zurückgegriffen. Selbst große Unternehmen erkennen mittlerweile die Kraft einer selbstregulierenden Konferenz und setzen dies für ihre internen Austausch ein.
Letzte Woche war ich also wieder einmal auf einem Barcamp und zwar auf dem Social Media Barcamp in Berlin. Die Organisation orientierte sich eindeutig wieder – ob beabsichtigt oder nicht – Richtung alter Wurzelbewegung. Nicht etwa ein übertriebener Lunch, superschicke Räumlichkeiten oder bequeme Loungesessel standen im Vordergrund, sondern knall- und brettharte Inhalte.
Wer es länger als 10 Minuten auf einer Bierbank – ohne Bier – aushält, der muss was zu sagen haben oder entsprechend zuhören können. Die Sessions, die ich besuchte, hatten im Grunde genommen ein grundlegendes gemeinsames Thema: Wie misst und überwacht man die Kommunikation im Social Web – also dem großen unübersichtlichen Konglomerat aus Social Networks à la StudiVZ, Xing etc. und Kommunikationskanäle von Twitter über Blogs bis hin zu den Diskussionen auf Wikipedia. Wie misst man den Erfolg einer Botschaft, wie erstellt man Profile von Interessenten, wie nutzt man die Unmengen gesammelter Informationen um anschließend an der eigenen Kommunikationsstrategie zu feilen oder die ultimative Landingpage zu basteln. Ich selbst war dann in den Sessions extrem erstaunt, wie sehr man doch den – im Grunde nichtssagenden – Zahlen so viel Macht zusprach. Über die Inhalte – also wie man Menschen im Social Web begegnet – wurde erst ansatzweise gesprochen, nachdem ich das Thema anstieß. Was nützen mir zig Zahlen, wenn ich am Ende dann doch nicht zufriedenstellend mit den Menschen kommunizieren kann, oder gar nichts zu erzählen habe. Vielleicht stehe ich ziemlich alleine da, aber für mich ist es in erster Linie wichtig, dass ein Unternehmen sich auf seine eigene Identität konzentriert und dann die Kommunikation nach außen daran ausrichtet. Ein Unternehmen sollte kommunikativ agieren nicht nur reagieren und die Zeit, in der ich als Unternehmen Daten und Zahlen zu Kommunikationsverhalten potenzieller Kunden verschleudere, kann ich wesentlich besser dazu einsetzen, um einfach mit den Menschen zu reden, ihnen zeigen, dass man präsent ist, zuhört und tatsächlich nicht immer auf alles eine Antwort weiß. Menschlich eben – nicht irgendwelche konstruierten Strategien von externen Kommunikationsdienstleistern.
Keine Frage – die Erfassung von Messdaten ist wichtig, sie darf jedoch niemals so prominent werden, wie es derzeit in der Internetkommunikation der Fall ist. Schnelle Klicks und Views sagen überhaupt nichts über Emotion, potenzielle Multiplikation von Botschaften oder langfristiger Wirkung aus. Aufmerksamkeit lässt sich eben nicht nur in Klicks und Views messen und Aufmerksamkeit alleine reicht eben auch nicht aus, um Menschen zu begeistern.
Spannend waren auch die Sessions, die sich rund um die Themen Reputation, PR oder Krisenkommunikation im Internet drehten. Was tut man, wenn die Konkurrenz offensichtlich falsche Zahlen veröffentlicht? Will man in die undankbare Rolle des schlechten Verlierers geraten? Nimmt überhaupt noch jemand Dementis wahr, wenn die zuvorige Falschmeldung viel spannender und breiter in den Köpfen der Empfänger angekommen ist? Sind harte Fakten sinnvoller oder spannende Stories? Und überhaupt wie transparent agiert man in einem scheinbar transparenten Medium und wo bleibt dabei die Ethik?
Schließlich führte ich selbst noch eine Session. Diese bestand aus einem älteren Vortrag von mir zum Thema “Evolution der Markenkommunikation”.
Es ging um Meme und wie sie unser Verhalten steuern und wie sich solche infiziösen Informationen für die Kommunikation und das Marketing einsetzen lassen. Am Ende des Vortrages lenkte ich die Diskussion allerdings bewusst in eine weniger kassisch-kommerzielle Richtung. Mich und andere Teilnehmer interessierte die Frage, wie man Meme dazu einsetzen kann um die Welt aktiv mitzugestalten, wie man politische Prozesse anschieben kann oder ein Stück weit blauäugig, wie man diese Welt ein bißchen schöner machen kann ohne sie weiterhin zu zerstören. Spannende Diskussion, die mir persönlich wieder enorme Inspiration mit auf den Weg gegeben haben und überhaupt sind Diskussionen und der Austausch mit anderen Menschen (z.b. Karin, Sachar, Stefan oder Kosmar) immer die schönste Begleiterscheinung solcher Veranstaltungen. Ich bedanke mich bei Jens Best und seinem Team für die Organisation und freue mich auf das nächste Barcamp in meiner Nähe.
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